Zwei Monate vor den Parlamentswahlen ist in Italien ein Medienkrieg um den konservativen Spitzenkandidaten Silvio Berlusconi (64) entbrannt. Am Anfang stand eine TV-Politsatire im staatlichen Sender RAI. Die Zuschauer erfuhren, der Medienmilliardär Berlusconi habe Verbindungen zur Mafia gehabt, die Anhäufung seines Vermögens sei ein "Mysterium". Prompt kam die Replik im Berlusconi-Sender Canale 5 - in den Hauptnachrichten: Nichts an den Vorwürfen stimme, verlas eine Journalistin mit gequältem Gesichtsausdruck einen langen Text. "Die Wirklichkeit hat die Satire eingeholt", meinte ein Kommentator am Freitag. In Italien ist Wahlkampfzeit, die Nerven liegen blank. Umfragefavorit Berlusconi setzt sechs Jahre nach seinem Sturz als Ministerpräsident auf ein Comeback. Auf Canale 5 ging es in den 20.00-Uhr-Nachrichten am Donnerstagabend fast nur um das Debakel. Mangels verbleibender Sendezeit erfuhren die Zuschauer deshalb praktisch nichts über die dramatische Flugzeugentführung nach Saudiarabien. In der Show "Satyricon" auf RAI 2 trat der Journalist ("La Repubblica") und Autor Marco Travaglio auf. 25 Minuten lang sprach er über sein neuestes Buch "Der Geruch des Geldes". Darin werden Berlusconi Verbindungen zur Mafia vorgeworfen. Über "geheime Wege" sei er in den 70er und 80er Jahren vom kleinen Unternehmer zum Medienmagnaten aufgestiegen. "Sie sind ein freier Mann, und freie Männer sind selten geworden in diesem Scheiß-Italien", lobte ihn Moderator Daniele Luttazzi. Literatur-Nobelpreisträger und Provokateur Dario Fo wiederum rief Luttazzi an und beglückwünschte ihn zur Sendung: "Endlich habe ich wieder Frischluft vor dem Fernseher geatmet." Kritiker werfen Luttazzi allerdings vor, er habe einen eigenwilligen Sinn für Komik. So schnupperte er einmal an einem roten Slip, den ihm Showgirl Anna Falchi nach einem Strip vor laufenden Kameras überreichte. "Das ist Fernseh-Müll", kritisierte ein Programmwächter. Ein anderes Mal verspeiste er Schokolade und tat so als wäre es weitaus Unappetitlicheres. Daraufhin wurde "Satyricon" vorübergehend abgesetzt. Doch auch in den drei Berlusconi-Sendern gibt es mitunter einzigartige Darbietungen. Selbst politische Feinde Berlusconis versammeln sich manchmal gern vor der Mattscheibe, um dessen "ergebenem" Nachrichtenchef Emilio Fede (Rete 4) zu lauschen. "Das sind doch nur Lobhudeleien auf Berlusconi, total einseitig", beschreibt eine Römerin ihre Eindrücke. Ein anderer Zuschauer meint: "Fede ist viel besser als jede Satire." Der Journalist selber macht aus seiner Verehrung für den Cavaliere, wie Berlusconi genannt wird, keinen Hehl. Die neue Schlacht um politische Korrektheit bescherte zunächst dem Autor des Buches über Berlusconi eine Rekordnachfrage. 60 000 Exemplare und damit fast das Dreifache der ersten Auflage gab der Verlag freudig in Auftrag. Auf der politischen Bühne hagelt es wechselseitige Beschimpfungen und Verdächtigungen. "Das ist Lynchmord mit dem Geld der Beitragszahler", protestiert ein Bündnispartner Berlusconis. Auftraggeber des "Killers Luttazzi" sei die Linke. Deren Spitzenkandidat Francesco Rutelli (46) verwies auf die Freiheit der Satire und lud Berlusconi zu einer öffentlichen Aussprache ein. Ein "Fernseh-Duell", gar in einem RAI-Studio, lehnte Berlusconi bisher kategorisch ab. (dpa)