Wien - Das Händeschütteln klappt erst mit Verzögerung. "Ich habe da gerade das Tauberlfutter in der Hand", weicht der Passant der weit ausgestreckten "Grüß-Gott"-Hand von Bernhard Görg aus. Und kann den Handshake des Wiener Vizebürgermeisters und ÖVP-Spitzenkandidaten erst nach Semmelstückerlumschichtungen entgegennehmen. Für die Wahlwerbefolder ist jetzt aber leider wirklich kein Platz mehr. Dabei haben die ÖVP-Wahlhelfer für die Verteilaktion in der noblen Wiener Kärntner Straße extra noch einen eilig kopierten Zettel in die bunte Görg-Broschüre gelegt: "Durchgesetzt - Kindergeld für alle" wird die Arbeit der Bundesregierung gelobt - und vor dem "Zurück ins rote Wien" gewarnt. Praktisch, dass sich die ÖVP-FPÖ-Koalition nach dreizehn Monaten heftiger Diskussion zufällig gerade zweieinhalb Wochen vor der Wiener Wahl auf das Kindergeldmodell geeinigt hat. Details werden zwar erst erarbeitet, der Grundsatzbeschluss im Ministerrat ist aber gefallen - und kann so auch im Wahlkampf weitergetragen werden. Wie so viele Themen der Bundespolitik. Ambulanzgebühren, Unfallrente und Co dominieren die Wahlauseinandersetzung, kommunale Themen sind kaum präsent. Sind doch die spätestens seit 1. Jänner auf jedem Lohn- und Pensionszettel sichtbaren Auswirkungen der schwarz-blauen Budgetsanierung für SPÖ und Grüne willkommene Gelegenheit, gegen das Sparpaket anzuwettern. Die SPÖ etwa hat eine Unterschriftenaktion gegen das Sparen im Bildungsbereich gestartet und wird auch sonst nicht müde, die Belastungen durch die Bundesregierung zu geißeln. Das Fernsehen ist dabei beliebter Wahlhelfer: Die Zahl der - live übertragenen - Sondersitzungen im Parlament ist nachgerade explodiert: Diesen Montag etwa haben SPÖ und die Koalitionsparteien im Minutenabstand Anträge auf Sondersitzung eingebracht. Parlaments-Wahlshow Und so tritt der Nationalrat kommenden Dienstag gleich zu zwei Sondersitzungen zusammen: Zuerst nutzt die SPÖ die Gelegenheit, gegen die Ambulanzgebühren zu wüten, danach sprechen sich ÖVP und FPÖ "klar" gegen Gewalt aus. Und wieder wird, wie schon bei der Bildungs-Sondersitzung der Grünen vergangene Woche, wohl FPÖ-Spitzenkandidatin Helene Partik-Pablé als eine der ersten Rednerinnen der FPÖ auftreten - sitzt sie doch praktischerweise im Nationalrat. Abgesehen von TV-Liveübertragungen ist die Bundespolitik eher ein Wahlkampf-Nachteil für die FPÖ: Hat sie doch Mühe, dem "kleinen Mann" die Sparpolitik zu erklären. Daher geißelt sie lieber die Pension für Viktor Klima oder warnt, wie nun Klubchef Peter Westenthaler in einem Brief an alle Gemeindebaumieter, davor, dass alle Parteien außer der FPÖ die "Gemeindebauten für alle Ausländer" öffnen wollen. Vom oft erprobten "Ausländerthema" erhofft sich die FPÖ eine Mobilisierung ihrer Wähler - und der Nichtwähler. Diese waren mit 350.000 Stimmen 1996 die eigentlich größte Fraktion. Die Wahlbeteiligung bei den Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen ist die österreichweit niedrigste. Obgleich sich die Wiener Werte seit einem Einbruch 1987 - als nur 63,7 Prozent wählten - wieder erholten: 1996 haben 68,5 Prozent ihre Stimme abgegeben. Damals wurde gleichzeitig das EU-Parlament gewählt. Wie viele Wiener am 25. März in die Wahllokale kommen, wird das Ergebnis mit entscheiden. Je geringer die Wahlbeteiligung ausfällt, desto entscheidender ist es, welche Partei ihre Kernschichten am besten mobilisieren kann. "Denkzettelwahl" Die SPÖ versucht genau das, indem sie die Wahl als "Denkzettelwahl" gegen Schwarz-Blau deklariert. FPÖ und ÖVP wiederum mobilisieren, indem sie vehement vor "Rot-Grün" in Wien warnen. Die Grünen preisen sich als Koalitionspartner - und als Gegenmodell zur schwarz-blauen Bundeskoalition an. Und das LiF versucht seine Wähler mit einem schlagenden Argument zu ködern: Sie hätten "noch eine Chance". (DER STANDARD Print-Ausgabe, 17. 3. 2001)