Auf dem Balkan droht wieder Krieg - diesmal in Mazedonien. Das kleine Land hat den Ausbruch eines Krieges bisher als einzige der sechs Republiken des früheren Jugoslawien vermieden und gerade in den letzten beiden Jahren viel für die Integration der starken albanischen Minderheit getan. Anders als im Kosovo ist hier in den Neunzigerjahren alles besser geworden. Der gewaltsame Konflikt wurde vielmehr vom Kosovo importiert, wo die extremistischen Freischärler ihre Basis haben. Erst jetzt, immerhin vier Jahre nach den ersten U¸CK-Anschlägen im Lande, findet der gewollte Krieg nach und nach sein Futter in der historischen Ungleichheit von Mazedoniern und Albanern und den Vorurteilen, die beide Völker gegeneinander pflegen. Dass es so weit kommen konnte, geht vielmehr zu einem guten Teil auf das Konto der internationalen Gemeinschaft. Es ist ein trauriger Witz, dass die USA und Deutschland, zwei hochgerüstete Militärmächte, nicht in der Lage sind, die wenigen Karrenwege und Trampelpfade im Gebirge zwischen dem Kosovo und Mazedonien wirksam zu kontrollieren. Man patrouilliert ein wenig an der Grenze, und wenn es dunkel wird, muss man rasch nach Hause - es könnte ja gefährlich werden. Kein Wunder, dass auf dem Balkan nun Verschwörungstheorien grassieren, nach denen der Westen den Konflikt sogar gewollt habe. Die andere mögliche Erklärung, dass nämlich die Verantwortlichen unfähig und desinteressiert waren, klingt schließlich noch unwahrscheinlicher. Die Schuld trifft auch alle anderen Mächte der Balkan-Kontaktgruppe. Sie waren zu feige, nach dem Einmarsch in den Kosovo im Juni 1999 gleich harte Regeln einzuführen und die bewaffneten Banden unnachgiebig zu verfolgen. Die "Entmilitarisierung" der Kosovo-Befreiungsarmee U¸CK war ein Hohn, an den umfänglichen Waffenlagern wurde einfach vorbeigesehen. Statt als Eroberer aufzutreten, fühlten sich die westlichen Truppen und die zivilen Verwalter lieber als "Befreier" und müssen nun den Preis für die sentimentale Fehleinschätzung zahlen. Was sich hier rächt, ist das verkitschte Bild des Kosovo-Konflikts als Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, das man meinte erzeugen zu müssen, damit die Öffentlichkeit die Luftschläge gegen Jugoslawien mittrug. Für hartes Auftreten im Kosovo ist es jetzt zu spät, denn sofort würden die Verwalter in blutige Konflikte mit den Banden geraten. Die Mission müsste abgebrochen werden, und alles würde noch schlimmer. Die albanischen Extremisten mag man verabscheuen, aber es wird wenig helfen, denn sie sind beinahe eine Naturerscheinung wie Blitz und Hagelschlag. Was sie tun, erscheint ihnen nur logisch. Kein Mensch hat sich für den Kosovo interessiert, als die Menschen sich dort über Jahre gewaltfrei engagiert haben. Erst als geschossen wurde, mischte die Welt sich ein, und die Terroristen von damals sind die Stars von heute - eine Aufforderung geradezu, sich immer mehr zu holen. Jetzt erheben alle wieder ihre "mahnende Stimme". Der Subtext lautet: Hört nicht auf uns! Wer schießt, gewinnt! Der beginnende Krieg in Mazedonien ist der erste in der Region, an der kein Milosevic mehr schuld ist. Nichts wäre falscher, aber nichts ist leider auch wahrscheinlicher, als dass die westliche Öffentlichkeit sich für diesen neuen Krieg nun einen neuen Schurken sucht. Nach Lage der Dinge werden "die Albaner" die Rolle übernehmen müssen. Die albanische Gesellschaft ist noch nicht entwickelt. Man kennt einander nicht, weiß nur, dass man Albaner ist. Das führt dazu, dass nur jemand einen national getönten Konflikt beginnen muss, um alle hinter sich zu scharen. Wenn die albanischen Politiker den Extremisten entgegentreten, was sie gerade in Mazedonien energisch getan haben, erreichen sie nur, dass ihr Einfluss schwindet. Alle, sogar die Albaner, haben ihr Möglichstes getan, den Krieg in Mazedonien zu vermeiden. Versagt hat die Nato. (DerStandard, Print-Ausgabe, 17./18.3.2001)