Berlin - Claudio Abbado hat den ersten Schleier über seine bisher geheim gehaltenen Zukunftspläne nach der "Ära Berliner Philharmoniker" gelüftet. Der krebskranke 67-jährige Italiener machte jetzt klar, dass er ab 2002 keineswegs nur "mehr lesen, segeln und Ski fahren will", wie der Karajan-Nachfolger 1998 als verblüffende Begründung für seinen spektakulären Rückzug vom "schönsten Posten in der Welt der Musik" angegeben hatte. Der Zufall wollte es, dass sein designierter Nachfolger Simon Rattle gerade mit den Berliner Philharmonikern für ein Konzert am Wochenende probte, als die Nachricht über Abbados Zukunftspläne aus Luzern verbreitet wurde. Darin hieß es, dass die Musik-Festspiele Luzern ein neues Orchester gründen wollen. Im August 2003 soll das "Lucerne Festival Orchestra", dessen hauptsächliche Besetzung sich aus Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra zusammensetzt, erstmals in drei Sinfoniekonzerten unter der Leitung Abbados zu hören sein. Bereits im Sommer 2002 übergibt Abbado sein Berliner Amt im "Zirkus Karajani", wie die Berliner Scharouns Philharmonie am Potsdamer Platz wegen ihres zeltartigen Daches noch immer liebevoll nennen, an den britischen "Feuerkopf" Sir Simon Rattle. Abbado ist seit 1966 regelmäßiger Gast in Luzern und hat die Initiative für die Orchesterneugründung zusammen mit dem Luzerner Intendanten Michael Haefliger ergriffen. Er wird die künstlerische Leitung in den Jahren 2003 bis 2005 übernehmen. Dafür hat Abbado ehemalige Spitzenkräfte der Berliner Philharmoniker gewinnen können wie Rainer Kussmaul, Kolja Blacher, Wolfram Christ und Emmanuel Pahud. Auch die Klarinettistin Sabine Meyer wird dabei sein, über deren - schließlich gescheitertes - Engagement als neues Orchestermitglied es Anfang der 80er Jahre zum Zerwürfnis zwischen Herbert von Karajan und seinem Berliner Orchester kam, das bis zu Karajans Tod 1989 nur noch mühsam überdeckt werden konnte. (APA)