Was später als "medienpolitischer Urknall" in die TV-Geschichte eingehen sollte, vollzog sich am Neujahrstag 1984 praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit mir vor der Kamera in einem Kellerstudio saß Irene Joest, lange Zeit unsere Chef-Moderatorin, und zusammen begrüßten wir die wenigen Hundert Zuschauer des Ludwigshafener Kabel-Pilotprojektes, die die erste Sendung des privaten Fernsehens mitverfolgen konnten.

Auf größere Resonanz war allerdings die Geburtsstunde der Privaten bei den damals noch übermächtigen Kollegen von ARD und ZDF und bei der bundesdeutschen Kulturkritik gestoßen: Pünktlich zum Orwell-Jahr waren für die Wächter des guten Geschmacks die schlimmsten Befürchtungen Wahrheit geworden. Der Untergang des Abendlandes war mit dem Aufkommen von Sendungen wie "Glücksrad" oder "Der heiße Stuhl" nur noch eine Frage der Zeit.

Heute muss ich zugeben, dass wir "Kommerzfunker", wie es damals abschätzig hieß, die Erwartungen, die in uns gesteckt wurden, nicht erfüllt haben: Das Abendland blüht und gedeiht, auch oder gerade weil die TV-Landschaft durch die Privaten bunter und vielfältiger geworden ist.

Es war für die Medienkritiker der ersten Jahre - und zum Teil auch heute noch - schwer zu verstehen, dass wir unser Programm an einer kaum beachteten Messlatte ausrichten wollten und mussten, an den Wünschen unserer Zuschauer. Mein Konkurrent und Mitstreiter Helmut Thoma hat in diesem Zusammenhang das Wort geprägt, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler - ein für die öffentlich-rechtlichen Intendanzen bis dato fast unbekanntes Credo.

Entgegen allen Prognosen nutzen die Zuschauer heute das große Programmangebot souverän und sind sich der Macht, die sie mit der Fernbedienung in den Händen halten, durchaus bewusst.

15 Jahre Privatfernsehen stehen aber auch für 15 Jahre politisches Fingerhakeln: dringend benötigte terrestrische Frequenzen gegen Produktionsverpflichtungen in den jeweiligen Bundesländern, Gebührenerhöhungen für die Öffentlich-Rechtlichen versus Werberegulierungen des Privat-TV. Der Poker um Standorte und Medienpräsenz brachte die föderale Verwaltungsstruktur der Bundesrepublik zu voller Blüte - leider entstanden in diesem Treibhausklima auch etliche politische Schlingpflanzen, wie etwa die Verpflichtung zur Ausstrahlung unabhängiger Dritter, die die Entwicklung des privaten Rundfunks immer noch im Würgegriff halten.

Aber trotz aller widrigen Umstände können die privaten TV-Veranstalter auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, für die es kaum vergleichbare Beispiele gibt. Heute gehört das Privatfernsehen zu einer der wenigen Zukunftsbranchen in Deutschland. Für die nächste Zukunft, und nicht erst in weiteren 15 Jahren, wird es darauf ankommen, den regulatorischen Dschungel um die "Schlingpflanzen" aus der Anfangszeit des privaten Rundfunks auszulichten und endlich mehr Entfaltungsspielraum zu schaffen, damit wir im nahenden digitalen Zeitalter die Herausforderungen, die uns eine globalisierte Medienlandschaft und konvergierende Multimedia-Angebote stellen, ebenso erfolgreich meistern wie unsere Gründerzeit.

Jürgen Doetz ist Geschäftsführer des deutschen Privat-TV-Senders Sat.1.