Ich habe "ausländerfrei" nicht gehört. Obwohl ich dort war. Letzten Mittwoch, im Kolpingheim. Aber ich bin erst zehn Minuten vor Schluss gekommen. Trotzdem lange genug. Ob ich glaube, dass das Wort gefallen ist? Wer hören wollte, hörte. Wer sehen wollte, sah. Den Jungen mit dem "Lonsdale"-Pulli im Publikum etwa. "Lonsdale" macht Sportsachen. Dass offene Jacken über Sweatern "nsda" frei lassen? Ein Schelm, wer "p" sich dazu denkt. Stolz darauf, Österreicher zu sein, darf wohl noch am Ärmel stehen. Und der Politikersatz "der Alsergrund bleibt österreichisch" ist harmlos. Genau. Oder: Dem Knaben, der an der Tür im Parteijäcklein stand, hatten die Haare unter der Kopfhaut zu wachsen aufgehört. Meine sind auch nicht länger. Doc Martens sind Gesundheitsschuhe. Hat jemand "Skinhead" gedacht? Ich bestimmt nicht. Codes Ich kenne ein paar der Codes. "Ostküste" und "unbelüg-, nicht unbelehrbar" gehören dazu - das sind die einfachen. Einige am Podium kannten sie. So wie manche im Saal. Schließlich teilen wir Vergangenheit. Wien ist ein Dorf. Wer Mitte bis Ende der 80er-Jahre im weiteren Umfeld der "Mods" pubertierte, hatte mit vielen Leuten zu tun. Einige Interessen waren gleich: Mädchen, Vespas, Auffallen. Und viele Dinge, die niemand erklären musste - wie in jeder Szene vorher und nachher. Buben aus gutem bis sehr gutem Haus waren dabei. Sie hatten Geld. Schnelle Roller. Leere, große Elternhäuser. Sie machten Parties. Dort gab es Mädchen. Folglich auch uns. Manche von diesen Leuten sind heute in den Seitenblicken. Manche sind verschwunden. Ich würde sie nicht wiedererkennen. Manche erfinden Anton aus Tirol, manche sind Graphiker, Hiphop-Djs, Lehrer, Friseure, Väter, Briefträger oder Ärzte. Einige sind tot. Einige in der Politik. Es gab - vereinfacht gesprochen - damals zwei Schulen. Die eine hörte Soul. "Schwarze" Musik. Die andere hatte mit den Skins nie Wickel. Die Skins waren saudumm. Wir wurden sie nie los: Sie waren stark. Sie hatten keine Angst, ihre Fetzen dreckig zu machen. Schuhbänder Die Codes verstanden sogar sie. Einmal hatte ich hellblaue Schuhbänder. Einfach so. (Doc Martens sind nicht nur Gesundheitsschuhe, sondern beim Rollerfahren auch praktisch). Da hat mich - zum ersten mal - einer wahr genommen. ?Neue Organisation?? Er trug stets weiße oder rote Bänder. Er sprach von Wehrsportübungen. Einmal hat er mir vor dem "Atrium" eine Maschinenpistole (eine Uzi) in die Hand gedrückt: "Kumm amoi mit, is leiwand ..." Ich kam nicht. Die "Anderen" waren nicht so blöd. Sie haben nie "Sieg Heil" gebrüllt. Sie haben nie Abzeichen getragen. Sie haben nie über Wehrsport geredet. Nicht mit uns: "Wir interessieren uns nicht für Politik." Wenn mich nicht alles täuscht, hat mir das einmal sogar Gottfried Küssel auf einem dieser Feste, wo ganz Jung-Wien sich betrank, gesagt. Gehört hat man trotzdem einiges. Aber meistens war es halt sehr laut. Stahlgewitter Irgendwann sind die Cliquen auseinandergebröselt. Man hatte sich nichts mehr zu sagen, lief einander aber weiter über den Weg. Bei den ersten Techno-Festen etwa.. Wenig später stand in der Postille "Zur Zeit" eine Techno-Story: Teutonenmusik und so. Querverweise auf Ernst Jüngers "In Stahlgewittern". Die Story war von einem der peripheren, alten Bekannten. Aber Jünger zitiert bald wer. "Ich bin gegen Denkverbote" Einschub: Der Vater einer Ex hat eine große Bibliothek. Hitler komplett. Göbbels Reden. Himmlers Tagebücher. Helsings "Weise von Zion" und solches Zeug. Revisionisten sowieso. "Die Juden sind wie das Salz in der Suppe", erklärte er gerne, "zu wenig ist schlecht. Zu viel auch." Außerdem: "Ich bin gegen Denkverbote." Das hat auch einer gesagt, der später wegen Wiederbetätigung saß. Haider sagte es letztes Wochenende. Zufall. Letzten Mittwoch im Kolpingheim. Der Satz, der angeblich das Versprechen, einen ganzen Bezirk "ausländerfrei" zu machen enthalten haben soll. Ob ich mir vorstellen könnte, dass das gesagt worden sein könnte? Gegenfrage: Wozu? Wer hören wollte, konnte hören, frei nach Wolfgang Schüssel.