Wien - Gemeindebauten, sagt Adolf Tiller am Telefon, da gebe es doch Wichtigeres. Zum Beispiel, dass sich die Menschen wohl fühlen in Döbling.

Vor dem Karl-Marx-Hof hat der ÖVP-Bezirksvorsteher des 19. dann aber doch viel zu sagen über die "Wohnhausanlagen", wie er den Gemeindebau nennt. Stolz erzählt er von der Renovierung des Karl-Marx-Hofs "unter meiner Verantwortung". 99 Stiegen, rund 1200 Wohnungen und ungefähr 3000 Bewohner hat der geschichtsträchtige Gemeindebau.

Die ÖVP will an Mieter verkaufen. Die SPÖ ist dagegen. "Nein, ich habe kein Interesse", sagt eine ältere Frau und sperrt die Eingangstür der Stiege auf. Seit dreißig Jahren lebe sie hier. "Was ist, wenn ich dann als Einzige übrig bleibe?" Die meisten gingen eben nur ein und aus, ohne Kontakt. Zu viele eingebürgerte Nachbarn deute sie damit an, meint Adolf Tiller. Er würde sich "eventuell schon" eine Gemeindewohnung in Döbling kaufen wollen. "Weil die alle unter meiner Verantwortung generalsaniert wurden."

Der Trend gehe ja zum Eigentum. Und so sozial seien Sozialwohnungen auch nicht mehr. Schließlich hätten sich viele durch zu niedrige Mieten etwas erspart. Tiller spricht vom Weitergaberecht an "Familie, Bekannte und Verwandte". Einige Jahre Verkaufsund Untervermietverbot sollten Bedingung sein, um Spekulationen vorzubeugen. Schließlich sind die Wohnungen um Steuergelder errichtet worden.

Tiller schwärmt von den Milliarden, die der Verkauf bringen würden: Für neue U-Bahn-Linien und Volksgaragen. Und für eine ausgeglichene Bilanz.

Ob die Bewohner überhaupt kaufen wollen? Die Rückmeldungen auf die Fragebögen der ÖVP wären "gigantisch" gewesen. 15 bis 20 Prozent Interessenten gebe es in manchen Häusern. Darum will Tiller offiziell fragen lassen. Und dann - ein Jahr lang - auf Probe verkaufen. "Aber nur, wenn die Mehrheit dafür ist!"

(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 20. 3. 2001)

Ein Gewinn für die Wiener Wirtschaft wäre das seiner Meinung nach allemal: "Jeder, der kauft, wird viel investieren." Und die vor dem Haus liegenden Grünflächen könnte man gleich mitpachten und herrichten. Mit "eigenem Geld, mit viel Engagement und Herz".

Ausländer würden dann auch nicht weiter stören, meint er: "Wenn in jeder Stiege eine ausländische Familie wohnt, sie sich eingliedert und sie sich nicht zusammenrotten, fällt das gar nicht auf."