"Mal sehen" - der Satz zieht sich durch Michael Kliers ersten Spielfilm "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" (1989). "Mal sehen", verstanden als unvoreingenommene, aufmerksame Herangehensweise ans Filmemachen und -betrachten, könnte man auch als Leitmotiv des deutschen Regisseurs annehmen, dem die Diagonale 2001 ein Special widmet: Klier, geboren 1943 in Karlsbad, aufgewachsen in der DDR und 1961 nach Westdeutschland geflüchtet, geht Mitte der 60er-Jahre nach Frankreich, um als Assistent von Francois Truffaut zu arbeiten. Zu dieser Zeit entstehen seine ersten Kurzfilme. Aber Klier wird auch ein Chronist des Kinos.

Seine kurzen Fernseharbeiten, die er in den 70er-und 80er-Jahren realisiert, über "Roberto Rossellini", "Sautet/ Godard" oder "Godards Kameramänner" stehen für eine Reflexion des Kinos im Fernsehen, wie sie inzwischen kaum noch existiert: "Die kleinen Schwestern der Nouvelle Vague / Die Viererbande von Jacques Rivette" etwa geht in einer detaillierten Sequenzanalyse der Frage nach, wie sich hier innerhalb einer Filmerzählung der Übergang zum "Schauspiel" auf einer Bühne vollzieht, kreist um Fragen nach der Arbeit der Schauspielerinnen, die hier Schauspielerinnen bei der Arbeit spielen. "Casting" dokumentiert die Probeaufnahmen junger französischer Akteure anno 1986 - darunter etwa Juliette Binoche, Beatrice Dalle oder Christopher Lambert. Kliers eigene Spielfilme sind von dieser langjährigen Auseinandersetzung mit dem europäischen Autorenkino geprägt: "Überall . . ." und "Ostkreuz" (1991) erzählen zurückhaltend und doch mit größter Nähe von Menschen, die ein wenig verloren zwischen den Orten (Polen, Berlin, USA) und Zeiten (Wende) existieren.

Gerade hat Klier nach langer Pause wieder einen Spielfilm fertig gestellt. Im Rahmen der Diagonale wird der Regisseur im Anschluss an die Vorführungen seiner Filme für Publikumsgespräche zur Verfügung stehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 3. 2001)