Wien - Portishead sind schuld. Diese Behauptung ist so unoriginell wie wahr. Denn mit ihrem Debütalbum Dummy , befriedigte das Duo aus Bristol ein Bedürfnis nach einer Heimeligkeit in der Musik, die nicht von einer Klampfe am Lagerfeuer formuliert werde konnte, sondern einer zeitgemäßen Vertonung der Einsamkeit vor dem Laptop eines zusehends im virtuellen Raum stattfindenden "Lebens" bedurfte, also modern war: "Heute nur drei E-Mails! Niemand hat mich lieb." Nachdem Portishead ihre Fans schon länger auf Entzug halten, kommt das akustische Methadon-Programm von Alison Goldfrapp mit ihrer Version einlullender Beats und elfenhaften Gesanges gerade recht. Doch was bereits auf Platte bei kritischeren Geistern schon jenen Mangel an Sauerstoff hervorruft, der den Körper veranlasst, sich diesen mittels Gähnen zuzuführen, geriet live am Sonntag im Wiener Flex zu so etwas wie einem kollektiven öffentlichen Schlafen - im Stehen. Die Gutenachtgeschichte erzählte dabei im Vorprogramm Tim Hutton. Als technoid gestützter Barde, der - zusammen mit einem ein elektronisches Schlagzeug streichelnden Drummer - zur Gitarre Songs aus seinen Album Everything vortrug. Dabei atmete er auch durch ein Trompetenblech oder drückte Keyboardtasten zu jener Art von Rhythmen, die auch beim anschließenden Auftritt von Goldfrapp dominierten. Spätestens hier kam einem erstmals ein Zitat des berühmten amerikanischen Alltagsphilosophen Homer Simpson in den Sinn: "Laaangweilig!" Goldfrapp: In Schablonen agieren Nachdem Hutton das Kissen vorgewärmt hatte, betrat das fünfköpfige Ensemble von Goldfrapp die Bühne, um sich sofort in jenen Schablonen einzufinden, die eingangs erwähnte Portishead kreiert hatten und die eine Flut von Nachahmern ausgelöst haben. Zwei Geiger, Keyboards und ein vom DAT-Band unterstützter Schlagzeuger besorgten den ersten Wiedererkennungseffekt, eine Spaghetti-Western-Gitarre und Alisons Gesang den zweiten. Doch statt die Chance zu ergreifen, live ihre Musik profilierter darzustellen und sich auf ein Spiel mit Dynamik einzulassen, stellten Goldfrapp ideenlos und brav der Vorlage entsprechend das Album Felt Mountain nach. Zu Beginn, im zweiten Song, als die Band lauter wurde und den Sound auf Kosten der Exaktheit verdichtete, tauchte kurz die Hoffnung auf, hier könnte jemand über sich selbst hinauswachsen. Denn guten langen Rest des Konzertes überzeugte einen die Britin vom Gegenteil, gab sich abwechselnd introvertiert oder theatralisch und verhalf einem so zur Gelegenheit, sich auf die Suche nach anderen passenden Zitaten zum zur Schau gestellten Elend zu machen. Fündig wurde man - damit der Kreis sich schließt - wieder bei Portishead: "Gimme a reason to love you." Genau. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 3. 2001)