Wien - Eine gute und eine schlechte Nachricht für Bibliotheksbenützer. Zuerst die schlechte: Mit dem unentgeltlichen Zugang zur Österreichischen Nationalbibliothek ist es vorbei. Um das neu errichtete Drehkreuz in der Eingangshalle der Hofburg (Heldenplatz Mitte) zu passieren, ist seit gestern unter Ausweisleistung und Angabe von Personaldaten eine Tageskarte (20 Schilling) oder eine Jahreskarte (100 Schilling) zu lösen. Die gute Nachricht: Die Omnibusse von Touristen, die bisher die WC-Anlage der Nationalbibliothek bisweilen auch buchstäblich überflutet haben, werden die Leseruhe nicht mehr stören. Vor allem aber berechtigt die Eintrittskarte zur Nutzung der vorerst 60 vorhandenen Computer mit Internetanschluss. Da seit Jänner auch die Kantine generalsaniert zur Verfügung steht, ist die ehrwürdige Institution der internationalen Bibliotheksgegenwart damit zweifellos wieder ein Stück näher gekommen. Der Kartenerlös wird bei 300.000 Besuchern jährlich rund 20 Millionen Schilling betragen, die gänzlich der Bestandserhaltung und der Literaturanschaffung zufließen sollen. Kostenlos bleibt die Recherche, die außer Haus auf der Homepage der Nationalbibliothek www.onb.ac.at getätigt wird. Hier gab es im Vorjahr immerhin bereits 14 Millionen Zugriffe. Womit die Nationalbibliothek erstmals in ihrer Geschichte mehr virtuelle als physische Benützer aufwies. Die Registrierung der Leser, wie sie seit gestern erfolgt, entspreche der internationalen Praxis. Sie sei aus urheberrechtlichen Gründen erforderlich und ermögliche zudem künftig eine genauere Ausrichtung der Sammeltätigkeit auf die Interessen der Leser, erklärte Hans Marte bei einem seiner letzten Auftritte als Generaldirektor der ÖNB. Am 30. April übergibt er sein Amt an Johanna Rachinger, der er zur Aufbringung der Mittel für das überfällige Webarchiv die nötige Energie wünscht: "Vielleicht hat sie als Frau gegenüber der Kulturministerin nicht die Beißhemmung, die ich hatte." Obwohl längst ganze Zeitschriften nur mehr im Internet publiziert werden, gibt es in Österreich immer noch keine Bundesinstitution, die dieses Textgut archiviert. (elce/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2001)