Salzburg - Es begann mit leisen Geräuschpartikeln, die langsam an Farbe und Körperlichkeit gewannen, als instrumentenspezifische Töne erkennbar wurden; schon seufzte die Posaune expressiv auf, während das Schlagzeug die abstrakten Materialimpulse zu einem satten Groove umdeutete. Lucas Nigglis Trio Zoom stand vergangenes Wochenende im Rahmen des 15. Salzburger "Jazz im Theater"-Festivals repräsentativ für die neue Generation an Improvisatoren, die ein breites stilistisches Spektrum, vom Rock über traditionelle Jazzstile bis zur freien Improvisation reichend, mit größter Selbstverständlichkeit überblickt und sehr gezielt auf diesen reichen Fundus zugreift - anstatt ihn in üppigem Eklektizismus bloß zur Schau zu stellen. Auch Der Rote Bereich von Gitarrist Frank Möbus, in Deutschland zuletzt von Spezialisten als Shootingstar gehandelt, reihte sich würdig ein. Songartige Strukturen wurden mit rockigen Riffs verstärkt und mit kehlig-verqueren Bassklarinetten-Girlanden angefüllt. Die augenzwinkernde Doppelbödigkeit, die man von den drei Herren kennt, war freilich erst in der Zugabe zu vernehmen, als aus dem abstrahierten Klang-Granulat plötzlich die Melodie von "Love Me Tender" zögerlich hervorleuchtete. Die Europapremiere von Spaceways Incorporated aus Chicago thematisierte in eher kammermusikalisch-intimen Sun-Ra-Covers und hart groovenden Funkadelic -Knallern George Clintons, in denen Ken Vandermarks saxophonistische Soul-Emphase freilich etwas aufgesetzt und zuweilen eckig wirkte, explizit ein Stück Historie. Und Veranstalter Andreas Neumaier hatte einige weitere rare, akustische Kulinarien für sein kleines, feines Festival versammelt, jenes Speziallabor, das im "Exil" der Arge Nonntal alle zwei Jahre den Beweis antritt, wie fantasie-und kraftvoll improvisierte Musik, die immer wieder im Stadium des Siechtums geortet wird, an den Rändern, abseits der Event-Bühnen, nach wie vor sein kann. Das österreichisch-amerikanisch-japanische Trio Helge Hinteregger/Samm Bennett/ Uchihashi Kazuhisa lieferte furiose Sample-, Sound- und Loop-Materialschlachten und fasste diese dennoch in kompakte formale Einheiten ein. Burnt Friedmanns asketischer Minimal Techno, um Dub-und Ambient-Einsprengsel bereichert, wurde von der auf zwei Trommeln und ein Becken reduzierten Schlagzeugarbeit von Veteran Jakie Liebezeit klug verstärkt. Während in der trashigen Mix- tur aus höllisch treibenden Grooves, Referenzen an Moondog und Milt Jackson sowie schmalzigen mexikanischen Trompeteiros das österreichische Trio Exklusiv all das rekapitulierte, was improvisierte Musik anno 2001 sein kann. Attribut: kultverdächtig. "Jazz im Theater" hat auch dieses Jahr wieder viele müde Ohren geheilt. Dafür gebührt der herzlichste Dank. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2001)