Eine beinharten Analyse: Ehrlich, objektiv und ohne dabei einzunicken, versteht sich!Wenn man eine CD in die Hand gedrückt bekommt

Wenn man eine CD in die Hand gedrückt bekommt, und einem durch die Blume gesagt wird:"Mach sie fertig!" - das kommt unter Kollegen aber nur sehr selten vor -, dann jedenfalls haben es die Künstler leicht, auch wenn sie dunkle Brillen tragen. Den keiner mag, den mögen wir (rufen Sie aber jetzt nicht an)! Da wir aber das Wort Objektivität auf unserem Früh-Morgen-Müsli-Häferl stehen haben, unterziehen wir dieses rot-weiß gehaltene Produkt einer gnadenlos nüchternen Analyse, es nutzt ja nichts; Die Wahrheit bleibt die Wahrheit, sagte schon Joe Zawinul, der zwar auch sagte, er sei der Erfinder des HipHop; aber mit dem ersten Satz hat er einen Hit gelandet. Anyway - in medias res: Verschlafen emphatisch begrüßt uns dieses Produkt im Rubato, lässt einige Melodiewolken an uns vorbeifliegen. Musik, die Zeit hat. Gitarre singt im Tiefschlaf. Später Groove. Apart. Darüber erzählt eine Melodie von der Ferne, großer Wert wird hier auf Kontrast gelegt. "Bum, bum" das Schlagwerk. Dann eine traurige Weise. Würde auch einem deutschen Krimi aus den 70ern gut anstehen, denn zu ihr mischen sich Cembalo-Simulationen. Doch halt! Da wird auch geklatscht, was wir schon bei Dave Brubeck (Panoptikum-Melodie, Sie erinnern sich) hatten. Elektronikgeräusche als Schluss und als Anfang von Track 2: Willkommen in der Karibik, Steeldrums lachen. Es klopft, es kommt Herbie Hancocks-Headhunter-Phase aus den 70ern vorbei. Natürlich kein echtes Plagiat; eher weich geht es hier zu, die Nummer rinnt ein bisschen aus. Drittes Stück wieder sanft und weich, elektronische Echos. Wir schauen auf die Uhr - nie ein gutes Zeichen! Kommt jetzt noch was, Track 3? Das bisschen Blubbern, ach ja, die Gitarre mit guter alter Minimal Music, Vibraphon und dann: Als hätte man ein Burt-Bacharach-Lied durch den Jazzrock-Fleischwolf gedreht. Ergebnis Steely Dan nach dem Aderlass.

Track 4: Melancholie am Flughafen

Gitarrentremolo. Weite Landschaften, gleich spielen sie die Melodie von Bonanza! Nein, das Vibraphon spielt im Tremolo, alles steht, Stimmung aber passt, wir verstehen: War nur die Vorbereitung auf Track 5. Hier Erinnerungen an die halligen Gitarren der Shadows, schon wieder Steeldrums, Karibik! Da war jemand schon lange nicht mehr auf Urlaub. Was heißt eigentlich labbrig auf Englisch? Pop als Zeitdieb, Track sechs bitte! Ja, schwere Beats, Triphop, darüber eine schräge melodische Überraschung. Verflüchtigt sich. Track 7? Servus, Peter Frampton - seit 1976 nicht mehr gehört von dir, Mann mit dem Vocoder-Gitarrensound. Wieder sphärisch, urlaubsselig, aus dem Hintergrund Trommeln. Da wir uns an dieser Stelle an unseren letzten Urlaub erinnern, sagen wir, danke! Die Atmosphäre stimmt, hier ist den Krawattenträgern etwas eingefallen, macht jeden Drink trinkbar. Bei Track 8 ist man allerdings beim Jazzrock angelangt: ausufernd arrangierte Melodie zu "Der Akte". Plus Shadows-Gitarre. Sympathisch zerknirscht. Track 9: Ja, ja, zerknirschte Idylle, verbeulte Steeldrums. Charmant, weite Intervalle und Elektronikkratzer.

Dann der Twin Peaks -Melodie-Schmäh plus Jazzrock, hier darf einem fad werden. Der Film, der dies zum Soundtrack macht, muss sehr gut sein, warum ist nichts und nicht vielmehr etwas, fragt hier der Philosoph. Und denkt an Pat Metheny. Tut's weiter! Geheimnisvoll an der Stille entlang bei Track zehn. Totale Stille. Die Künstler haben die CD offenbar verlassen. Fazit: Viel Aufregung um Leute mit gutem Musikgedächtnis, die Musik machen für Leute ohne Musikgedächtnis. Wenn das die Zukunft des Pop ist, wollen wir nur Minuten dabei sein. Abendfüllend nur, wenn der Abend kurz ist. Zu gut für den Toaster. Zu schlecht für die Ewigkeit. Alltag eben! (DER STANDARD/RONDO, Print-Ausgabe, 23. 3. 2001)