Martin Sprenger

Hundert Wochenstunden oder mehr, fünfzig Stunden durchgehender Dienst oder mehr, zwölf Stunden Non-Stop-Ambulanz, Hunderte Entscheidungen täglich, die meist schnell zu treffen sind, kein Mittagessen, schlaflose Nächte usw.

Hier ist nicht die Rede von Primarii und Professores, sondern von den Systemerhaltern, von Turnusärzten, Stationsärzten, Assistenz- und Oberärzten. Von jenen, die an chronisch unterbesetzten Abteilungen - ohne Möglichkeit von Spezialuntersuchungen auf Abruf - in peripheren Krankenhäusern die Hauptlast der ambulanten und stationären Versorgung der Bevölkerung tragen. In diesen Abteilungen werden keine Herzen verpflanzt, Arme angenäht, Drillinge geboren, keine Medizin für Schlagzeilen geboten. Hier passiert die Basisarbeit, der medizinische Alltag, unter ständig wachsendem Druck.

Kein Pilot dürfte 32 Stunden am Stück fliegen, kein Bahnhofsvorstand 49 Stunden ständig die Verantwortung tragen. Für uns ist das selbstverständlich.

Trotz des Wissens um die steigende Belastung dieser Ärztegruppen aber wird Personal reduziert. Die chronische Unterbesetzung zwingt uns geradezu, Vorwürfe wie keine Zeit zu haben, schlecht aufzuklären etc. knirschend hinzunehmen.

Inkompetente Politik

Die politischen Entscheidungsträger haben keine Ahnung vom Spitalsalltag. Es ist, als befände ein Stadtmensch über die Arbeit auf einem Bergbauernhof.

Hinzu kommt, dass unser Bild in der Gesellschaft mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein hat. In der angesprochenen Ärztegruppe gibt es keine Großverdiener. Mein Netto-Stundengehalt mit allen Diensten und Zulagen beträgt 120 Schilling. Wobei jede Fehlentscheidung, als Spitals-oder Notarzt, mich vor den Richter bringen kann.

Es gibt Wochenenden, an denen ein Drittel unserer Patienten alkoholisiert ist. Den Zeitpunkt von Akutzugängen kann man sich nicht aussuchen, oft kommen mehrere gleichzeitig. Wie zwei Ärzte im Dienst (15:30 bis 7:30) es schaffen, zu operieren, die Ambulanz zu betreuen, 90 stationäre Patienten plus Notfälle zu versorgen, dazu noch dokumentieren, aufklären ..., ist für mich immer wieder ein kleines Wunder.

Und noch etwas: Unser Gesundheits- und Sozialsystem gehört - bei aller notwendigen Kritik (und die hätte ich zuhauf) - zu den besten auf diesem Planeten. Trotzdem ist es augenscheinlich, wie das Gesundheitsbewusstsein (trotz Milliardengeschäft Wellness Ges.m.b.h ) und die Bereitschaft zur Eigenverantwortung abnehmen. Die Zahl der Übergewichtigen steigt, die Zahl der Raucher und Alkoholiker ebenso, Zucker- und Kreislauferkrankungen sind fast schon "normal".

Diese Dinge verursachen die Kostenexplosion im Gesundheitsbereich. Hier gilt es zu handeln - und hier gilt es auch klar die Grenzen des Machbaren festzulegen: Es lässt sich nicht alles wieder gut machen. Eine sofortige Steigerung der Ausgaben im Vorsorgebereich sowie eine Aufwertung der Eigenverantwortung (auch finanziell) ist unumgänglich.

Dr. Martin Sprenger ist Arzt für Allgemeinmedizin und Notarzt im Krankenhaus Walz in der Steiermark.