Seit Jahren schlägt das flüchtige "Museum auf Abruf" regelmäßig seine Kunst-Zelte in Wien auf. Dass es auch thematisch hervorragend konzipierte Lesungen und Jazzkonzerte veranstaltet, wissen bisher nur wenige. Das sollte sich ändern, findet Cornelia Niedermeier . Wien - Als eine Art von Biotop beschreibt Wolfgang Hilger die Kunstsammlung, die er im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien in jahrzehntelanger Ankauftätigkeit zusammentrug: über 60.000 Kunstobjekte von in Wien werkenden Künstlern stapeln sich in den städtischen Depots. Die gesamte Kunstproduktion etwa der 60er-, der 70er-Jahre könnte archäologisches Interesse aus den Tiefen der Keller graben. (Zudem verfügt man - weithin unbekannt - über eine umfangreiche Katalog-Bibliothek und das vielleicht beste Archiv des Wiener Ausstellungswesens der vergangenen Dekaden, nahezu sämtliche Aktivitäten sind mit Original-Zeitungsausschnitten belegt.) Allein, im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind die Schätze der Stadt eher marginal verankert. Kein Museum nämlich steht für die bemerkenswerte Sammlung zur Verfügung. Weshalb 1991 die Idee eines Museums auf Abruf geboren wurde: eines flüchtigen Museums also, in welchem aus den Kunstobjekten der Sammlung thematisch konzipierte Ausstellungen zusammengestellt werden. Auf die Tatsache, dass es sich bei diesen Einblicken in die Sammlung nur um die "Spitze des Eisbergs" handeln könne, verwies der programmatische Titel der ersten Schau 1991 im alten Museumsquartier. Viermal jährlich schlägt seither das unstete Museum in den unterschiedlichsten Räumlichkeiten seine Kunst-Zelte auf: seit 1998 allerdings an einem festen Ort - gleich neben der Akademie der Künste, in der Makartgasse 1. Im Juli des Jahres warf man zum ersten Mal einen "ironischen Blick" aus angemieteter Behausung auf die Außenwelt.
Neues Publikum
Die Resonanz der Öffentlichkeit, so Hilger, war von Anfang an verblüffend groß. Dennoch trachteten er und sein Mitarbeiter, Berthold Ecker, ihrer Kunst neue Publikumskreise zu erschließen. Mit dem Einzug in die Makartgasse begannen sie, im Zentrum der Bilder thematisch entsprechende Beiprogramme zu organisieren. Jeweils zwei Lesungen und zwei Konzerte, bevorzugt Jazz oder elektronische E-Musik, stellen die ungewöhnlichen Kulturbeamten, die für ihr Museumsprojekt freiwillig enorme Zusatz-Arbeit auf sich nehmen, derzeit pro Ausstellung auf die Beine. Nur mit der Pressearbeit hapert es noch etwas. Weshalb bisher nur eingeweihte Zirkel die Lesungs-und Konzertraritäten wahrnahmen. Für die Zusammenstellung der Programme lassen sich die Freizeit-Museumsleiter nämlich durchaus sehr gut beraten. So auch diesmal: Der konzeptionellen Strenge der laufenden Ausstellung - "Vom Selbstzweck der Farbe. Monochromie als Prinzip" - entspricht die Einladung von Autoren, die ihr Sprachmaterial mit ähnlich zwingender formaler Präzision handhaben. Heute Abend wird Ferdinand Schmatz aus Farbenlehre lesen, am kommenden Mittwoch trägt Friederike Mayröcker publizierte und unveröffentlichte Gedichte vor. Und in der Musik werden Ende April Achim Tang und Werner Dafeldecker zum Kontrabass-Doppelkonzert aufspielen, gefolgt zwei Tage später von Peter Ablinger. Bevor das Museum wieder seine Pforten schließt, um sich im Mai dem "Blühen und Reifen", der schwellenden Frühlingsnatur zu öffnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2001)