Die mehrfach ausgesprochene Einladung des mexikanischen Präsidenten Vicente Fox an Subcomandante Marcos lässt offensichtlich dem Zapatistenchef die Haare zu Berge stehen. Der Rebellenführer, womöglich ohne Waffe, Mütze und Pfeife, an einem Tisch mit jenem Mann, der als Vertreter jenes Staates herzuhalten hat für die jahrhundertelange Unterdrückung der Indigenas? Wird so nicht der Mythos des Guerilleros zerstört? Marcos braucht diesen Mythos, denn Fox nimmt den Zapatisten einfach den Wind aus den Segeln. Diese Strategie ist für den Subcomandante weitaus gefährlicher als jene von Fox-Vorgänger Zedillo, der den Widerstand in Chiapas niederschlagen hat lassen. Fox hat mit seiner Friedensinitiative die Zapatisten aus dem politischen Abseits geholt, er hat ihren Marsch unterstützt, er will die Autonomie der Indigenas gesetzlich sichern. Zudem hat er einen für Marcos kaum einholbaren Vorteil. Fox ist aufgrund seines Wahlsiegs demokratisch legitimiert. Angesichts der Stärke von Fox und des Jubels der Bevölkerung beim Zapatistenmarsch beginnt Marcos Fehler zu machen. Er begibt sich in die Position des "alles oder nichts". Weil es im Parlament Widerstand gegen seinen Auftritt gibt, weigert er sich beispielsweise, den zuständigen Ausschuss zu treffen. Doch auch die Zapatisten werden nicht umhinkommen, sich über kurz oder lang in das demokratische Leben einzugliedern. In einer Demokratie, so schreibt der Historiker Enrique Krauze, gewinne man "nicht mit Kugeln, mit messianischen Prozessionen oder mit intergalaktischen revolutionären Diskursen". Marcos betont, er sei kein politischer, sondern ein sozialer Revolutionär. Aber soziale und demokratische Prozesse sind zäh und erfolgen Schritt für Schritt. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22. 3. 2001)