Wien - Wien beginnt in Schwechat. Zumindest für die Reisenden, die per Flugzeug hier ankommen, und nicht immer an touristischen Schauwerten interessiert sind. Rainer (Martin Feifel) kommt nach Wien, weil er sich hier auskennt. Seine Begleitung hingegen stammt aus Mexiko, und Wien ist für sie eine beliebige Durchgangs-Station auf der Reise zurück in ihre Heimat, die ein Drogendeal finanzieren soll. Aber der angepeilte Kontakt sitzt im Gefängnis. Rainer, dem Konsum der Ware nicht abgeneigt, verfällt zusehends in Apathie. Nach einem Streit gerät Mercedes (Goya Toledo) zufällig an den Taxifahrer (Hary Prinz), der sie schon nach der Landung von Schwechat nach Wien gefahren hat. Weil sie kein Geld hat, nimmt sie das Angebot an, vorübergehend in seiner Wohnung unterzutauchen, um den Deal neu zu planen. Ruhige Einstellungen und eine unaufgeregte Inszenierung zeichnen Die Fremde aus, den neuen Spielfilm des österreichischen Regisseurs Götz Spielmann ( Der Nachbar ) nach fünf Jahren Pause. Er gibt den Figuren Raum, den sie nicht primär mit Worten füllen müssen, sondern wo man ihnen auch ein wenig zusehen kann. Die schönsten Momente ereignen sich dabei allerdings abseits der Verwicklungen um das Kilo Koks. Wenngleich Die Fremde auch in diesem Kontext zurückhaltend agiert und auf die üblichen modischen oder aktionistischen Attribute möglichst verzichtet. Manchmal wird mit entsprechenden Erwartungshaltungen gespielt, aber nur, um sie dann lässig zu übergehen: So nehmen der Taxler und Mercedes, nachdem sie die Modalitäten des Verkaufs endlich geklärt haben, ganz einfach die S-Bahn - unliebsame Verfolger kann man auch dabei ausschalten. Es geht in Szenen wie diesen um den Vorsprung und den Handlungsspielraum, den die Bewegung auf vertrautem Terrain eröffnet. Das gilt auch für den Film als Ganzes - dort liegt seine Stärke. Die Fremde allerdings bleibt eine solche. Von außen betrachtet ist sie eine attraktive Frau, die sich zu helfen weiß. Die Sätze aber, die man ihr in den Mund legt ("Das Meer versteht mich."), machen ihre Motive, ihre Sehnsucht nicht plausibel. Zumal gemessen an der Stimmigkeit und Genauigkeit, mit der Spielmann den scheidungsgeschädigten Taxler zeichnet, der in seiner Hochhaus-Wohnung ohne Telefon und Unterhaltungselektronik das Andenken an Frau und Sohn pflegt - in halb leeren Zimmern, in denen Tapeten und Rest-Mobiliar ans Familienglück erinnern müssen. Hier funktionieren die in Andeutungen gehaltenen Verweise auf die Vorgeschichte. Und auf eine mögliche Zukunft mit der reschen Supermarkt-Kassierin Beate (Nina Proll), die sich ganz nebenbei ins Herz der Geschichte geschlichen hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2000)