Tetovo/Genf/Stockholm - Die mazedonische Armee hat am Freitag mit heftigem Artilleriefeuer auf mutmaßliche Stellungen der Albaner-Guerilla "Nationale Befreiungsarmee" (UCK) nahe der umkämpften Stadt Tetovo im Norden des Landes begonnen. Im Stadtinneren seien starke Detonationen zu hören, berichteten Augenzeugen. Ziel der Angriffe sind die Berghänge, wo sich die Rebellen verschanzt haben. Die Kämpfe haben bisher bereits 22.000 Menschen zur Flucht veranlasst. Über 14.000 seien in andere Landesteile geflohen, teilte das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) in Genf mit. Die Mehrheit habe ihre Wohnungen und Häuser verlassen, obwohl ihnen zunächst keine unmittelbare Gefahr gedroht habe. Sie hätten diese Vorsichtsmaßnahmen vor allem für ihre Kinder ergriffen und bei Familienangehörigen und Freunden Zuflucht gefunden, sagte UNHCR-Sprecher Ron Redmond. Zum Teil hochgerechnete Zahlen des Roten Kreuzes zeigen, dass etwa 3600 Menschen in die Türkei, 1800 nach Albanien, 1400 nach Serbien und Montenegro, 1100 in das Kosovo und 300 nach Bosnien-Herzegowina und Kroatien geflohen sind. Dabei habe es sich gleichermaßen um slawische Mazedonier und ethnische Albaner gehandelt. "Neutralisieren und eliminieren" Ein Sprecher der NATO-geführten Kosovo-Truppe KFOR hat Angaben dementiert, wonach bei Artillerieangriffen der mazedonischen Armee an der Kosovo-Grenze mehr als 150 Zivilisten verletzt worden seien. Nur ein Verletzter sei bestätigt worden, sagte der Sprecher. Zuvor hatte die KFOR mitgeteilt, bei den Angriffen gegen von Rebellen gehaltene Dörfer nördlich von Tetovo im Grenzgebiet zum Kosovo seien zwischen 150 und 200 Zivilisten verletzt worden. Diese seien über die Grenze gekommen und hätten um medizinische Hilfe gebeten. Staatspräsident Boris Trajkovski, der am Freitagnachmittag in Stockholm mit den EU-Staats- und Regierungschefs zusammentreffen soll, hatte angekündigt, die Rebellen zu "neutralisieren und eliminieren". Russland hat der NATO erneut vorgeworfen, für die gegenwärtige Gewalt in Mazedonien mitverantwortlich zu sein. Die Angriffe albanischer Rebellen in Südserbien und Mazedonien seien eine Folge des NATO-Luftkrieges gegen Jugoslawien von 1999 und der verfehlten Kosovo-Politik des Westens, erklärte das russische Außenministerium am Freitag in Moskau. Unter dem Schutz der NATO sei das Kosovo zu einer Brutstätte des albanischen Extremismus geworden, von der die Gewalt in der Balkan-Region ausgehe. Druck auf albanische "Terroristen" erhöhen Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat einen "vernünftigeren Umgang" mit der albanischen Minderheit in Mazedonien gefordert. Zugleich müsse der Druck auf albanische "Terroristen" erhöht werden, um die Stabilität der Region nicht zu gefährden, sagte Schröder am Freitag in Stockholm. Die territoriale Integrität Mazedoniens müsse unangetastet bleiben. Schröder sicherte der Regierung in Skopje im Konflikt mit den albanischen UCK-Rebellen die Unterstützung Deutschlands und der Europäischen Union zu. Der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des Europäischen Parlaments, der Deutsche Elmar Brok (CDU), hat sich dafür ausgesprochen, der UCK ein Ultimatum zur Waffenabgabe zu stellen. Darüber sollten die Staats- und Regierungschefs auf ihrem EU-Sondergipfel in Stockholm diskutieren, forderte Brok. Die Entwaffnung der UCK sei schließlich Bestandteil des ursprünglichen Mandats der KFOR, betonte Brok. Außerdem hätten die Europäer die Hauptlast des Konflikts auf dem Balkan zu tragen und könnten sich nicht immer hinter den Amerikanern verstecken. Von der mazedonischen Regierung erwartete Brok eine Politik der Gleichberechtigung aller Bürger. (APA/dpa/Reuters)