Seit 1986 schreibt Ruth Rendell auch unter dem Namen Barbara Vine, einem aus ihrem zweiten Vornamen und dem Mädchennamen ihrer Großmutter gebildeten Pseudonym. "Ich entscheide mich immer sehr früh, welchen Namen ich für einen Stoff wähle." In den Vine-Romanen gibt es keinen Inspektor Wexford und oft nicht einmal klassische Kriminalfälle, jedoch viel psychologisches Gespür. "Die beiden größten Krimiautorinnen der Welt sind Ruth Rendell und Barbara Vine", urteilt Donna Leon, eine andere Größe des Metiers. Die drei sind seit ein paar Jahren befreundet. "Heuschrecken" - neuer Roman Ein Thema, das Ruth Rendell alias Barabara Vine in ihrem jüngsten Roman "Heuschrecken" am Rande behandelt, ist Adoption. Weißen Pflegeeltern soll ihr Kind, dem sie in inniger Liebe verbunden sind, weggenommen werden, weil es ein Mischling ist. Wenn eine Gesetzesinitiative zu dem Thema in das Oberhaus kommt, will Rendell dort dazu Stellung nehmen. Aber im Mittelpunkt des Romans steht eine junge, selbstbewusste Geschäftsfrau, die sich an dunkle Kapitel in ihrer Vergangenheit erinnert - an einen schrecklichen Unfall mit ihrem Freund, als die damals 16-Jährige mit ihm auf einen Überland-Leitungsmast stieg, und an die Abenteuer, die sie mit einer Clique junger Leute über den Dächern von London erlebte. "Wenn ich durch die Straßen gehe, fallen mir immer wieder Menschen auf Dächern auf", sagt die Autorin, "Man kann nicht genau erkennen, was sie machen. Vermutlich arbeiten sie. Aber sie scheinen ihren Spaß daran zu haben, auf die Leute hinunter schauen zu können." Tatsächlich liest sich das Buch stellenweise wie eine Hymne auf Freiheiten, die man am Boden nicht genießen kann. Freiheiten, die Ruth Rendell ein einziges Mal selbst ausgekostet hat: "Meine Katze ist aus dem Badezimmerfenster gestiegen und bekam es mit der Angst zu tun. Also musste ich auf das Dach, um sie runterzuholen." Lesung im WUK Für ihre Lesung am Freitag, 30.3. im Wiener WUK hat sie sich eine Passage aus einem alten Buch herausgesucht, dem bei uns 1995 erschienenen Roman "Keine Nacht dir zu lang", in dem "die Einstellung eines jungen Mannes zu Geld besonders gut zum Ausdruck kommt", wenn nämlich um den Preis eines Verbrechens verhandelt wird. Warum sie nicht jene hübsche Szene aus dem Schlussteil der "Heuschrecken" liest, in dem der Wind tausende Pfundnoten über die Dächer wirbelt und dafür sorgt, dass Menschen auf der Suche nach Geldscheinen tagelang auf Bäume klettern und in Sträucher kriechen? "Das ist eine glänzende Idee", begeistert sich die Autorin, "ich hatte diese Szene ganz vergessen. Vielleicht werde ich mein Programm doch umstellen. Übrigens: Sagen Sie doch nicht Lady Rendell zu mir, alle meine Freunde nennen mich Ruth. Ich freue mich auf Wien. Aber sorgen sie dafür, dass es warm ist. Kälte bekomme ich hier in London zur Genüge." (Wolfgang Huber-Lang/APA)