Wien - "Unfassbar", sagt der Richter und schaut auf die Uhr. - Die Angeklagten, die ihr totes Baby im Wald versteckt hatten, fehlen. Sie sollten von der Zelle in den Saal geführt werden. Aber niemand findet sich, der es tut. - "Personalmangel bei der Justizwache", heißt es am Telefon. "So aber nicht!", widerspricht der Richter. "Unfassbar", führt der Staatsanwalt mit zittriger, von Ekel belegter Stimme aus. Das Ehepaar hat nun die Anklagebank erreicht. Er war alkoholkrank und arbeitslos. Sie glaubte (kurz) an die Liebe und blieb dann bei den Kindern, um sie vor seinen Aggressionen zu schützen. Drei Mädchen hatten sie. Zwei leben noch. Sandra und Daisy sind jetzt in Heimen in Tirol untergebracht. "Unfassbar und nicht zu begreifen", sagt der Staatsanwalt, was mit der drei Monate alten Bettina geschah, als sie tot war. "Der Vater hat den Leichnam ohne jegliches Pietätsgefühl in eine schmale Keramikvase gepresst und in einem mit Wasser und Schlamm gefüllten Schacht versenkt." Er war hartherzig Eines Morgens wachte der Vater auf, und das Baby rührte sich nicht. Die Frau hat noch "die Wangerln mit Wasser bespritzt". Vergeblich. "Das war der erste tote Mensch, den ich g'sehen hab", sagt der Vater. "Da hamma was machen müssen." - Er packte die Leiche, stopfte sie in eine Militärtasche, nahm die Vase und fuhr in den Wald. Die Mutter will nicht gewusst haben, was er vorhatte. "Ich hätte nicht gedacht, dass er so hartherzig ist", sagt sie. Die Todesursache des Kindes konnte nicht mehr festgestellt werden. (So wurden die Untersuchungen wegen Mordverdachts eingestellt.) Bettinas Verschwinden war nämlich erst 20 Monate später bemerkt worden. Das war im März 2000, als die damals einjährige Tochter Sandra mit einer gebrochenen Speiche, einer gebrochenen Rippe und einer Oberschenkelfraktur im Spital lag. Die Verletzungen erklärt sich der Vater so: "Sie hat einen Atemstillstand g'habt, da hab' ich mich auf sie gekniet und sie wiederbelebt." Die Gerichtsmedizinerin schüttelt den Kopf. Daisy, der Ältesten, hat der Vater einmal mit einem Brotmesser eine Sehne durchtrennt. - Da wollte man nun sehen, wie es der kleinen Bettina ging. "Unfassbar" "Unfassbar", bestätigt der Verteidiger. "Unfassbar und geradezu schauerlich, dass das Leben so spielen kann." Aber man sollte diese "spektakulär anmutende, etwas eigenwillige Form des Begräbnisses für ein Kind" nicht überbewerten. Denn sein Mandant, dass wisse er, "hat sich selbst als liebender Kindesvater gefühlt". Seine Panikreaktion der Beseitigung der Leiche bezeuge "die Hilflosigkeit eines einfachen Menschen". Und wenn es in der Anklageschrift heißt, der Vater hätte eines seiner Kinder "wie einen Wurfgegenstand ins Gitterbett geschleudert", dann "liest sich das fast so hart, wie es klingt", meint der Anwalt: "Aber die Zeit beschert uns eben nicht nur Schönes." Bettinas Vater wird wegen Störung der Totenruhe und Kindesmisshandlung zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Mutter muss ein Jahr Haft verbüßen. Sie will sich scheiden lassen und nach Tirol ziehen, um bei ihren Kindern zu sein. (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. März 2001)