Die geplante Gentechnik-Debatte fiel auf dem Stockholmer Gipfel wie vieles andere auch der weltpolitischen Aktualität zum Opfer. Und sie wäre wohl auch ohne Tierseuchen und ohne Balkankrise nicht ausgeufert. Vor allem den Briten unter Tony Blair geht es lediglich darum, den Anstoß für eine Kehrtwende in der europäischen "Biopolitik" zu geben. Blair fürchtet, dass der amerikanische Vorsprung in diesem so viel versprechenden Feld nicht mehr aufzuholen sein wird, wenn sich die Europäer als abendländische Bedenkenträger profilieren, während die Amerikaner ihre Gen-Claims abstecken.

Gerhard Schröder, ein Mann mit Gespür für den Zeitgeist, stellt daher, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich ätzte, seine "biopolitischen Truppen" auf: Die neue SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt kann sich vorstellen, die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) zu erlauben, die ihre grüne Vorgängerin Andrea Fischer noch vehement abgelehnt hatte. Hinter dem PID-Wortungetüm verbirgt sich die Möglichkeit, Embryonen vor ihrer Einpflanzung in die Gebärmutter auf genetische Defekte hin zu untersuchen und/oder bewusst etwa nach Geschlecht zu selektieren, um geschlechtsspezifische Erbkrankheiten zu verhindern. Kritiker fürchten, dass mit der PID-Zulassung der Herstellung von Designer-Babys gesetzlich Tür und Tor geöffnet werde und man bald auch die verbrauchende Embryonenforschung zulassen werde.

In Österreich haben wir zwar dasselbe Problem, aber keine Debatte. Das darf einen wohl nicht wundern in einem Land, in dem man Bioethik für eine Frage des politisch korrekten Müslis hält und so genannte Umweltpolitiker gemeinsam mit einer Boulevardzeitung den Eindruck erwecken, dass der schiere Anblick von Genmais die sofortige Erblindung zur Folge hat. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 24./25.3.2001)