Als Jeff Raikes 1976 nach Stanford ging, hatte er eigentlich ganz andere Berufspläne: Der damals Achtzehnjährige strebte eine Position im amerikanischen Landwirtschaftsministerium an. Informatik inskribierte er nur, um seinen Bruder Ralph technisch bei der Leitung der Familienfarm in Nebraska - wo er als Jüngster von fünf Geschwistern aufgewachsen ist, und die seine Familie bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts betreibt - zu unterstützen.

Als er an der Universität erstmals eine Software für die Buchhaltung der Farm entwickelte, hatte ihn der "Computervirus" sofort angesteckt. Steve Jobs, der damals in Stanford Führungsnachwuchs für Apple rekrutierte, engagierte den jungen Hightech-Freak sofort. "Dort lernte ich den Zauber von Software kennen und zu schätzen, was sie alles ermöglicht", erzählt Raikes.

Als er 1981 seine Schwester in Seattle besuchte, nutzte er die Gelegenheit, bei einem Software-Start-up namens Microsoft vorzusprechen - und bekam den Job. "Bei einem neuen Mitarbeiter suche ich nach zwei Qualitäten: Fachliche Kompetenz und Begeisterungsfähigkeit", sagt Steve Ballmer, heute Chief Executive Officer (CEO) von Microsoft, der in den Achtzigerjahren für das Recruiting zuständig war. Er fand in Jeff Raikes, wonach er suchte und legte damit den Grundstein einer Topkarriere.

Raikes begann als Produktmanager, stieg schnell zum Bereichsleiter der Office Group auf und wurde schließlich 1998 zum Vizepräsident der Worldwide Sales- and Support Group befördert. Seit Juli 2000 ist der eloquente Topmanager Mitglied des Senior-Leadership-Teams rund um Bill Gates und als Vizepräsident der Unternehmensgruppen Productivity und Business Services für die Wachstumsstrategie der Kernbereiche des Konzerns zuständig - der seine Umsatzprognose für das erste Quartal 2001 um sechs Prozent auf 6,4 bis 6,5 Milliarden Dollar nach unten korrigierte.

Mit dem Microsoft-Gründer verbindet Raikes - abgesehen von der äußerlichen Ähnlichkeit - auch die Gabe, seine Begeisterung auf andere zu übertragen. Firmengeschichte schrieb etwa ein Sales Meeting, bei dem er eine Parodie auf "Gangsta's Paradise" des Rappers Coolio dichten ließ und diese dann selbst als "Window's Paradise" vor 8000 Mitarbeitern zum Besten gab. "Bei den Film- oder Songparodien geht es eigentlich nur darum, die Unternehmensphilosophie individuell zu kommunizieren", schmunzelt der Topmanager.

Karrierewege

Am Mittwoch präsentierte Raikes das neue "Office XP" in Wien. Mit dem STANDARD sprach der 42-Jährige über Karrierewege in der New Economy.

STANDARD: Worauf kommt es bei der Karriere in der New Economy an?

Raikes: Für mich ist der Ausdruck New Economy eigentlich passé. Ich spreche lieber von Digital Economy, da die Informationstechnologie den Bereich des Möglichen erheblich erweitert hat.

Interesse am Fortschritt ist essenziell, aber natürlich gelten auch weiterhin die Spielregeln der so genannten Old Economy: Der Fokus auf den Kunden und "traditionelle" Managementqualitäten haben auch im Informationszeitalter noch Gültigkeit. Entscheidend ist in meinen Augen jedoch, die Errungenschaften der Technik so zu nutzen, dass sie den maximalen Mehrwert für den Kunden lukrieren.

STANDARD: Ist es angesichts der haltlosen Abwärtsspirale, die die Start-ups im letzten Jahr erlebt haben, überhaupt noch sinnvoll, in der Digital Economy anzuheuern?

Raikes: Die Dotcom-Blase ist definitiv geplatzt. Ich kann nur allen empfehlen, von der "Goldrausch"-Mentalität Abstand zu nehmen und nur bei einem Unternehmen zu arbeiten, dessen Geschäftsidee und Businessplan intuitiv überzeugen. Das Wichtigste ist aber, sich auf das zu konzentrieren, was man wirklich gern tut. Man verbringt so viel Zeit im Büro, da sollte der Job doch auch Hobby sein und umgekehrt. Denn nur dann wird man auch gut sein.

Wenn ich an mich denke, so ist der einzige Unterschied zwischen 1981 und heute die Ausbreitung und Möglichkeiten von Software. Mein Enthusiasmus ist der gleiche geblieben.

STANDARD: Welche Strategien verfolgt Microsoft im Kampf um die High Potentials?

Raikes: Steve Ballmer nannte einmal als Einstellungskriterien die fachliche Kompetenz und die Begeisterungsfähigkeit. Zielstrebigkeit habe ich nach einigen Jahren selbst hinzugefügt, da meiner Ansicht nach Intelligenz allein noch nicht ausreicht, um Projekte zu vollenden. Um im "war for talent" zu bestehen, muss ein Unternehmen eine Firmenkultur und ein Wertesystem schaffen, die den Kandidaten, die diese Voraussetzungen erfüllen, eine optimale Umgebung bieten. Ich glaube, dass ist einer der Gründe, warum Microsoft so erfolgreich ist.