Die "Diagonale", das Festival des österreichischen Films, positionierte sich auch in diesem Jahr, vor noch mehr Zuschauern, als Forum für vielfältige Auseinandersetzungen mit der Gegenwart.

Graz - Beginnen wir mit einem der schönsten Kinoerlebnisse der vergangenen Woche: Teenager-Liebe, dieses unnachahmliche Versunkensein in eigene Befindlichkeiten und seine bemerkenswerte filmische Umsetzung - Mein Stern von Valeska Grisebach zog nachhaltig in Bann. Grisebach hat, vom Dokumentarfilm kommend (Berlino, 1999), auch für ihr Spielfilmdebüt einen Zugang gewählt, der die Fiktion eng an eine äußere Wirklichkeit zurück bindet, indem sie etwa auf das Engagement "professioneller" Darsteller verzichtet.

Mein Stern beginnt mit einem abgewandelten "Flaschendrehen", und eine ähnliche, scheinbar zufällige Annäherung bestimmt auch die Liebesgeschichte der Hauptfiguren: "Willst du mit mir gehen?", fragt der Junge einfach, und so fängt ein kurzer Sommer an - mit Abhängen im Park, Schmusen im Liegestuhl, Berufseinstieg und Familienleben. Der Film erzählt diese alltägliche Geschichte unspekulativ, als szenische Abfolge meist statischer Einstellungen, mit sparsamem Musikeinsatz. Weit weg von Teen-Film-Konventionen, nah an den Protagonisten.

Körper und Räume

Eines der geglücktesten Kurzfilmprogramme wurde wiederum von einer Reihe von Nachwuchsregisseurinnen bestritten. Es ließe sich rund um die Themen Körper und Räume beschreiben - ob in Cordula Thyms Beyond Borderline, wo ein magersüchtiges Mädchen zu durchaus expliziten Szenen den eigenen Zustand kommentiert, oder Ricarda Denzer in Türvierzehn - reading in absence viele Stimmen über die Bewohner einer verlassenen Wohnung spekulieren lässt: Hier überwogen unkonventionelle, formal verspielte Zugänge.

Die Städelschülerin Kerstin Cmelka, gleich mit zwei Arbeiten vertreten, erhielt für Mit mir, in dem sie in einer Doppelbelichtung allein und doch zu zweit ihren Körper als sexuelles Objekt entdeckt, den Preis der Jugendjury und der ORF Kunst-Stücke.

Während einzig mit der Vergabe des Großen Diagonale-Preises an Florian Flickers Krimi-Kammerspiel Der Überfall ein bereits im Kino erfolgreich gezeigter Spielfilm ausgezeichnet wurde, ging der neu gestiftete Preis der Diözese Graz-Seckau an Joerg Burgers Moscouw.

Burgers Kurzdokumentarfilm ist einer der Filme, denen man schon aufgrund ihres Breitwandformats eine Kinoauswertung wünscht. Die Weigerung der Fotokünstlerin Michaela Moscouw vor die (Film-)Kamera zu treten - für diese Abwesenheit schafft Burger eine um so betörendere Präsenz. Aus dem Off assoziiert Moscouw in manischem Redefluss Gedanken zu ihrer fotografischen Arbeit, die immer nur ein Sujet hat: sie selbst, in vielfältigen Identitätsentwürfen, tagtäglich aufgenommen.

Moscouw illustriert ihre Rede nicht, diese schmiegt sich vielmehr an ihre Bilder, wodurch der Film seine Spannung aus Bewegung und Statik erhält. Während bei Burger die Aura der Bilder zwischen An- und Abwesenheiten oszilliert, verschwindet in Peter Zachs Der Abendländer der Schriftsteller Helmut Eisendle erst allmählich aus dem Film und tritt in diesem sehr persönlichen Porträt hinter "fiktiven" Situationen zurück. Dennoch wird der Autor hier eher verstanden als gezeigt und sein Schreiben als - bisweilen mystifizierte - Existenzweise vorgeführt.

Einen völlig anderen Hintergrund hat Gegen den Strom, eine Dokumentation zivilen Ungehorsams von Martina Theininger, die im Auftrag der Bürgerinitiative Traun hergestellt wurde. Diese hatte sich 1996 im Kampf gegen das Kraftwerk Lambach formiert. Theininger arbeitet mit Videomaterial, das seinerzeit von den Beteiligten gedreht wurde, und interviewt damalige Akteure.

Wenn man etwa Aufnahmen sieht, in denen Baggerschaufeln Drohgebärden gegen durchnässte Umweltschützer ausführen, oder hört, welches Buhgeschrei dem Landeshauptmann bei einem Besuch entgegenschallt, fragt man sich unwillkürlich, wie viele solcher "Archive" wohl in diesem Land existieren?

Die Diagonale fungiert also immer stärker auch als (Gegen-)Öffentlichkeit. Und zwar in Bezug auf Arbeiten (oder Arbeitszusammenhänge), die im regulären Kinoverleih oder auch im Fernsehen keinen Platz bekommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 3. 2001)