Graz - Lichter aus im Saal, Lights Out in Europe. Ein aus vielfältigen, teils eigens kuratierten Programmen zusammengesetzter Schwerpunkt der Diagonale suchte in diesem ersten Jahr nach der Wende in Österreich die Auseinandersetzung mit politischem Filmschaffen. Neben der jährlichen Leistungsschau schien die Dichte dieser "Nebenschienen" und die damit einhergehende Auseinandersetzung beinahe die Dynamik eines eigenen Festivals im Festival anzunehmen.

Nicht nur das bereits im letzten Jahr kontrovers diskutierte Programm Die Kunst der Stunde ist Widerstand - heuer abermals, gemeinsam mit dem Verein Echo mit dem Preis für Innovatives Kino bedacht - wurde in reduzierter Form fortgesetzt und überzeugte mit minoritären Beiträgen, die auf dokumentarische Intensität setzten; die Schiene Politik bilden verlängerte diese medialen Praktiken auch ins Soziale und verschaffte einer engagierten Auseinandersetzung von Vereinen mit soziokulturellen Themen eine größere Öffentlichkeit.

Wir sind schon da hieß eines dieser Programme, die sich mit der (Selbst-)Darstellung von Jugendlichen der zweiten Generation befasste. Indirekt konnte man darin auch von politischen und strukturellen Bedingungen rassistischer Übergriffe erfahren, wenn in Wir sehen uns von Echo, das Abhängen von Jugendlichen am Kardinal-Nagl-Platz - aus Mangel an Alternativen - fast zwingend zu Konfrontationen mit Anrainern führt.

Zwei historische Programme verschafften diesen aktuellen Arbeiten eine erweiterte Perspektive. Trauma, Haftung, Gesetz verfolgte anhand von vier Filmen des Regisseurs Gustav Ucicky geradezu paradigmatisch die "falsche" Kontinuität im Schaffen eines Einzelnen, der sich in jedem System einzunisten wusste. Propaganda im Dienste des k.u.k. Kriegspressequartiers sowie Wort und Tat, ein NS-Wahlwerbefilm, für den Ucicky bereitwillig seinen Namen hergab, wurden mit zwei Spielfilmen kontrastiert, in denen ideologische Konzepte in Erzählungen rund um Schuld und Identität verschleiert werden.

Lights Out in Europe, titelgebender Film für ein Programm über die antifaschistischen Dokumentaristen Herbert Kline, Alexander Hackenschmied und Hanus Burger, demonstrierte schließlich die Gegenseite: Film als NS-Gegenpropaganda, zuerst als Kampf, dann als Erinnerung. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2001)