Frankfurt/Paris - Drei Tage vor der nächsten Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) wächst der Druck auf sie, ebenso wie die US-Notenbank Federal Reserve die Leitzinsen zu senken. Schon beim EU-Gipfel in Stockholm haben mehrere Spitzenpolitiker ihre Ungeduld über das Zögern der europäischen Notenbanker zum Ausdruck gebracht. Am Montag äußerte der französische Finanzminister Laurent Fabius offen den Wunsch nach einer raschen Leitzinssenkung. Das Wachstum sei weniger stark als angenommen, der Inflationsdruck dafür schwächer als früher, sagte er in einem Radiointerview.

Auch mehrere Aussagen aus der EZB lassen auf eine baldige Zinssenkung schließen. Das spanische Direktoriumsmitglied Eugenio Domingo Salens sprach am Montag von "besseren Inflationsaussichten". Zuvor hatten der einflussreiche Chef-Volkswirt der EZB, Othmar Issing, und das französische Direktoriumsmitglied Claude Trichet Sorge über die nachlassende Wachstumsdynamik geäußert.

Inzwischen geht es laut vielen Beobachtern nicht mehr um das ob, sondern das wann der Zinssenkung. Während viele Volkswirte eher auf einen Schritt im April tippen, stellen sich die Devisenmärkte auf eine Senkung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auf der Zentralbankratssitzung am kommenden Donnerstag ein. Dank dieser Erwartung stieg der Euro am Montag um rund einen halben Cent auf ein Niveau von 0,8930 Dollar, weil man sich davon eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums erhofft. "Eine eher frühere als spätere Zinssenkung würde den Euro unterstützen", sagte ein Händler. Sollte die Fed aber im April, wie vielfach erwartet, die Zinsen erneut senken, käme der Euro wieder unter Druck.

Nicht ob, sondern wann

Tatsächlich deuten fast alle volkswirtschaftlichen Indikatoren auf eine Lockerung der seit Monaten straff gehaltenen Geldpolitik der EZB. In Deutschland geht seit der Bekanntgabe des starken Rückganges im Geschäftsklimaindex des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts vergangene Woche die Angst vor einem Wachstumseinbruch um - auch wenn Finanzminister Hans Eichel am Montag die Prognose von 2,75 Prozent für 2001 bekräftigte. Italien hat seine Erwartungen bereits gesenkt, und auch in Frankreich wird erwartet, dass die Regierung ihre Wachstumsprognose von 3,3 Prozent auf unter drei Prozent herunterschraubt. Die nachlassende Dynamik in den südlichen Ländern erleichtert der EZB die Entscheidung, weil sich dadurch die Schere mit Deutschland ein wenig schließt, das derzeit Schlusslicht in den EU-Wachstumsprognosen ist. Weil es nur noch einen einzigen Zinssatz für die ganze Euro-Zone gibt, stellen große Wachstumsdifferenzen die Notenbank vor ein Dilemma.

Auch der Teuerungsdruck lässt deutlich nach. Trotz der jüngsten Kürzung der Erdölförderung durch die Opec ist der Ölpreis weiter auf Talfahrt: Er sank in der Vorwoche auf 22,80 Dollar. Als Folge niedrigerer Energiepreise hat sich etwa der Anstieg der deutschen Erzeugerpreise im Februar verlangsamt. Noch im vergangenen Oktober, als sich die Weltwirtschaft bereits abschwächte, hat die EZB wegen der steigenden Ölpreise die Leitzinsen um 0,25 Prozent auf 4,75 Prozent erhöht. (ef, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 27. 3 . 2001)