Das Timing war gut gemeint: Einen Tag nach dem von ihm mitgestalteten Triumph der FPÖ in Wien präsentierte Jörg Haiders Ehefrau Claudia ein laut APA knapp 40 Seiten starkes und reich bebildertes Werk, wo in kurzen Skizzen unter Schlagworten wie "Der Hoffnungsträger", "Der traut sich was, der Jörg", "Steuermann der FPÖ", "Nichts ist unmöglich - Landeshauptmann von Kärnten" u. ä. Epitheta eine bunte Palette der Stationen des politischen Lebens Haiders nachgezeichnet wird. Samt Kurzdokumentation "Höhepunkte 1986 - 2001". Ob es sich dabei um einen Nachruf bei Lebzeiten oder um eine Vorbereitung des Wiedereinstiegs in die Bundespolitik handelt, werden wir bald wissen - für einen Steuermann der FPÖ ist nichts unmöglich.

Schließlich haben seine medialen Gönner nach seinem transsexuellen Wahlkampfauftritt ihre schützenden Hände nicht von ihm abgezogen, auch wenn sie noch etwas benommen wirkten. So schrieb Cato Montag - einen Tag nach der Kommunalwahl in Wien - in seinen Lehren aus den Ereignissen: So hatte man gerade unmittelbar vor dem heutigen Wahltag den zunehmenden Eindruck der Erlahmung parlamentarischer Kraft. Bei so viel Erlahmung kalendarischen Durchblicks kam ihm auch einiges mit der Gewaltentrennung durcheinander: Die Aufhebung des Gesetzes über die Ambulanzgebühr und Teile der Pensionsreform durch den Verfassungsgerichtshof erweckte bei breiten Kreisen der Bürger den Eindruck, als sei die Regierung nicht einmal mehr fähig, Gesetze richtig zu formulieren. Der Eindruck täuscht nicht, aber von diesbezüglicher Unfähigkeit der Regierung auf die Erlahmung parlamentarischer Kraft kurzzuschließen, entspricht nicht dem Geist der Verfassung.

Eine Gedankenstromanalyse an Catos Kolumne fördert mehrere Ursachen des Wahlausganges zutage. Erstens unsere Zeit: Keine Toleranz in der Welt, die in Misstönen dahinlebt, die Verfolgung Andersdenkender zur Pflicht macht, die vom plumpen Eindringen in die Sphäre des Intimen oft geradezu lebt. Das ist aber unsere politische Gegenwart, in der ein Familienblatt vom plumpen Eindringen in die Sphäre des Intimen lebt und gedeiht.

Zweitens der Leihopa: Die zur Wahl Aufgerufenen spürten vielmehr die immer wieder von den Parteien angestrebte kollektive Entmündigungsbestrebungen (sic). Der lautstark geäußerte Wunsch, ja die Forderung, den ORF endlich aus der Einflusssphäre der Parteipolitik zu bringen, hatte lediglich zur Folge, dass ein so genannter "Weisenrat" den Parteieneinfluss in Richtung Blau-Schwarz verschieben soll. Es war Schüssels eigenbrötlerische Bundespolitik, die sich in Wien negativ auswirkte.

Des Bundeskanzlers angestrebte Entmündigungsbestrebungen als eigenbrötlerische Bundespolitik zu charakterisieren, ist noch milde, wenn man bedenkt, dass er mit der Installierung Gerd Bachers als Weisen den ORF ein wenig aus der Einflusssphäre der "Kronen Zeitung" bringen könnte, womit er nur beweist: Es herrscht keine Toleranz in der Welt, die in Misstönen dahinlebt.

Das vernichtende Ergebnis der Liberalen hat im Grunde noch Heide Schmidt verursacht, weil die hat Cato noch nie leiden können. Die KPÖ hatte keine Chancen. Viele Kommunisten - wo gibt's die in Wien? - wählten Grün, weil sie sich dort besser aufgehoben fühlen als in der KPÖ, was schon jetzt gesagt sein muss, damit man in der Folge die Grünen umso leichter als "Kummerln" bezeichnen kann. Und schließlich die FPÖ? Die FPÖ hat Stimmen verloren. Ihr manchmal seltsames verbales Verhalten hat doch geschadet. Aber - und das ist doch ein großer Trost - immerhin ist sie zweite Partei geblieben. Man wird weiter mit ihr rechnen müssen, dafür wird die "Krone" schon sorgen.

Und in der "Krone" sorgt Cato dafür, dass die Verfolgung Andersdenkender erst gar nicht erforderlich wird, indem er sich Leute wie Wolf Martin mit seinem seltsamen verbalen Verhalten hält. Montag war Kriechen angesagt: Man kann wohl allen Ernstes sagen:/ Der Häupl hat den Jörg geschlagen./ Denn dieser musste bei den Wahlen/ gewiss für dies und das bezahlen./ Wie es bereits auf unserer Seite/ der weise Cato prophezeite. Nur die Absolute für Häupl hat er uns vorenthalten.

Auch "Die Presse" hält Jörg Haider - trotz Drecks am Stecken - die Stange. Als einziges einfaches Parteimitglied darf er mit drei Abgeordneten abwechselnd Gastkommentare schreiben. Also schrieb er, Ariel Muzicant habe als Repräsentant einer Religionsgemeinschaft einer demokratisch gewählten Regierung den Krieg erklärt. "Die Presse" betrachtet so etwas doch eher als Bereicherung und druckte es ab, was einen Mitarbeiter veranlasste, dem Chefredakteur brieflich seine Mitarbeit aufzukündigen. Er meint, ein Chefredakteur habe eine Letztverantwortung auch für das, was Gastautoren in seinem Blatt veröffentlichen.

Lieber als auf Haider verzichtete "Die Presse" auf den Mitarbeiter. Dieser wurde mit einem Schimmelbrief abgespeist, wie ihn auch die Abonnenten erhalten, die sich über Haider ärgern. Einziger Unterschied im Text: Wo in dem einen Fall die Hoffnung ausgesprochen wird, man möge die Entscheidung, das "Presse"-Abonnement zu kündigen, nocheinmal überdenken, ist im anderen Fall das "Presse"-Abonnement durch die "Presse"-Mitarbeit ersetzt.

Man muss eben Prioritäten setzen. Nur wegen der üblichen Erregung über den üblichen geschmacklosen Haider-Sager (Andreas Unterberger gestern) wird "Die Presse" nicht auf die Haider-üblichen Geschmacklosigkeiten verzichten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27.3.2001)