Wien - "Wenn wir der Entwicklung freien Lauf lassen, werden wir in den Naturwissenschaften bald keine Lehrstühle mehr besetzen können", warnte Jürgen Baumert, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Dienstagabend im Zukunftsforum in Wien. Das sinkende Interesse an Mathematik, Chemie und Physik zusammen mit der demographischen Entwicklung werde den ohnehin spärlichen Nachwuchs in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren noch einmal um 80-90 Prozent schrumpfen lassen. "Und die Wenigen, die es gibt, werden in die Wirtschaft gehen - damit könnte an den Unis die Generationenkette reißen." In Deutschland beschäftige sich deshalb bereits die Politik mit dem dramatischen Nachwuchsmangel. Eine der Ursachen ortet sie in den zyklischen Schwankungen des Arbeitsmarkts, eine zweite in der durch Versäumnisse von Wissenschaft und Industrie an den Schulen grassierenden Skepsis. Als Heilmittel wird an die Wirtschaft appelliert, sich bei Einstellungen antizyklisch zu verhalten, und an die Wissenschafter, direkt in die Schulen zu gehen. Doch Baumert sieht das Problem differenzierter. Anhand von zwei großen empirischen Studien über die Fächerwahl von Gymnasiasten kommt er zu dem Schluss, dass die Würfel für oder gegen die Naturwissenschaften bereits in der Mittelstufe fallen. 80-90 Prozent derjenigen, die - nach dem deutschen Leistungskurssystem - Chemie oder Physik abwählen, revidieren ihre Entscheidung später nicht. Warum aber wählen sie ab? Baumert: "In erster Linie, weil sie sich weniger kompetent fühlen und dadurch ihr Interesse gesunken ist. 70 Prozent der Mädchen steigen bei der ersten Gelegenheit aus Physik aus. Das ist die Quittung für den vorangegangenen Unterricht." Labor statt Kreide Das beste Mittel, Mathematik und Naturwissenschaften im Wettbewerb der Fächer zu stärken, ist demnach "ein exzellenter Unterricht". Weg von der Kreide, hin zum Labor. Dazu eine bessere Vernetzung mit anderen Fächern. Die Lehrer müssten "professionalisiert werden". Um den Rekrutierungspool zu vergrößern, sei speziell das Interesse der Mädchen zu wecken, indem man ihnen ansprechende Kontexte anbietet. "Richtig wird das Problem erst zwischen 2010 und 2020 beginnen, wenn der seit 1985 zu verzeichnende Abfall der Geburtenrate zum Tragen kommt", warnt Baumert. Dann lasse sich das Manko auch nicht mehr durch ausländische Naturwissenschafter kompensieren, sofern die bis dahin nicht ohnehin schon alle in den USA säßen. Baumert: "Noch ist offen, ob wir den Zug zur Wettbewerbsfähigkeit nicht längst verpasst haben. Auf jeden Fall müssen wir uns sehr anstrengen." (hk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2001)