Wien - Schon einmal vom Sandwich-Prinzip des Jazz gehört? Genau: eine Scheibe Brot, das Thema, drunter würzige Schichten, die Soli, drauf: noch eine Scheibe Brot, die Themenreprise als Abschluss - fertig! Oft kopiert, ist dieses alte formale Stereotyp für einen Gutteil der Gähnreflexe verantwortlich, die das Wort "Jazz" zuweilen hervorruft. Dabei weiß man längst, dass es auch anders geht. Tim Berne ist jemand, der tragfähige Ideen zur Improvisationsdramaturgie entwickelt hat. Der 46-jährige Saxophonist aus Syracuse, New York, arbeitet seit 20 Jahren an der Veschränkung und wechselseitigen Durchdringung von improvisierten und komponierten Elementen, auch bei seinem jüngsten Band-Projekt Quicksand. Man vernahm nervös köchelnde Musik von hoher Intensität, große, organisch choreographierte Fließbewegungen, in denen auch im filigransten Detail der Zusammenhang spürbar war. Die fünf Improvisations- und Kompositionsstimmen legten sich in konsistenten Klangschichten übereinander, sammelten sich unvermittelt in Unisono-Riffs, ehe sie wieder auseinander strebten. Berne regulierte Dichte und Energiepegel der Textur über die Instrumentierung, indem er seine Mitstreiter wie Orgelregister zu- oder wegschaltete. Deren Soli zerrissen folglich auch nicht als solistische Egotrips die formalen Fäden, sondern ordneten sich dem Stück-Kontinuum unter. Klar, dass es hier Kapazunder wie Gitarrist Marc Ducret bedurfte, die in diesem engen Rahmen dennoch ihre Individualität einbringen konnten. Während etwa Keyboarder Craig Taborn unauffällig mannschaftsdienlich blieb. Das Konzept? Hier noch nicht völlig ausgefeilt. Dennoch: Tim Berne erteilte der Szene wieder einmal eine Jazz-Lektion. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2001)