Wien - "Nichts unter Kontrolle, keine Entwarnung" - diese Diagnose stellte am Donnerstag Michael Buchner von der Tierschutzstiftung "Vier Pfoten" zur Lage im so genannten Schweine-Skandal. Der Aktivist und Buchautor, der selbst maßgeblich am Auffliegen der Affäre beteiligt war, sagte bei einer Pressekonferenz in Wien, neun Wochen nach der Aufdeckung sei es "höchste Zeit, Ergebnisse zu sehen". "Es liegt am System" Mit Zahlen versuchte Buchner, seine Sicht der Affäre zu untermauern. "Nach uns vorliegenden Kundenlisten (der illegal Arzneimittel vertreibenden Veterinärmediziner, Anm.) befinden sich darauf 1.000 Landwirte in Österreich, die rund ein Drittel der Schweineproduktion abdecken." Gesundheitsminister Herbert Haupt (F) und Agrarminister Wilhelm Molterer (V) würden die Situation falsch einschätzen: "Es handelt sich nicht um einzelne schwarze Schafe, sondern es liegt am System", sagte der "Vier Pfoten"-Aktivist. Antibiotika-Resistenzen nehmen zu Experten warnten vor den Folgen der Antibiotika-Verabreichung in der Tiermast für den Menschen. Es sei anerkannt, dass "Resistenzen stark zugenommen haben", sagte Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer, Vorstand für Anästhesie und Intensivmedizin am Wiener AKH. Den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung bezeichnete er als "vollkommen unkritisch", mit diesem sei "ein wesentlicher Mechanismus der Resistenzbildung gegeben". Als Beispiel nannte er eine neue Gruppe von Substanzen, über die im Jahr 1995 eine Diskussion in den USA abgehalten wurde, ob diese in der Hühnerhaltung eingesetzt werden dürfen. Laut Zimpfer traten zwei Jahre später Resistenzen auf. Arzneiein nur für Experten "Arzneien gehören ausschließlich in die Hände von Experten", sagte der Tiermediziner und Pathologe Dr. Michael Schönbauer. Ihr Einsatz sei ausschließlich bei medizinischen Indikationen erlaubt. Im Besonderen wies er darauf hin, dass bei den meisten Substanzen etwa die Hälfte wieder ausgeschieden wird. Mit der Gülle oder Jauche würden diese auf den Feldern verteilt, der Konsument bekommt sie auch im Gemüse wieder mit verabreicht. Buchner forderte unter anderem die "gläserne Produktion" vom Stall bis zum Teller. Dazu gehört auch nach Meinung von "Vier Pfoten" die Rückvollziehbarkeit vom Schlachthof zum Bauern und eine unabhängige Kontrolle. Die geplante Lebensmittelagentur bezeichnete er in diesem Zusammenhang als "Papiertiger mit wenig Inhalt". Ursachenbekämpfung Ein weiterer wichtiger Punkt ist für die Tierschutzorganisation die Ursachenbekämpfung, also eine Verbesserung der Haltungsbedingungen. Laut "Vier Pfoten" habe Molterer eine Entscheidung dazu vertagt und nach Brüssel verschoben. Auf EU-Ebene werde es erst im Jahr 2012 Verbesserungen in der Schweinehaltung geben - das ist für die Tierschützer viel zu spät. Letzte Sperren in der Steiermark aufgehoben Zehn Wochen nach dem Bekanntwerden des Arzneimittelskandals in der Ferkelaufzucht und in der Schweinemast ist am Donnerstag in der Steiermark die letzte behördlich verfügte Betriebssperre wieder aufgehoben worden. Probeschlachtungen hätten auch im letzten Fall eine völlige Rückstandsfreiheit des Fleisches ergeben. Insgesamt waren 37 mit der Schweinezucht befasste steirische landwirtschaftliche Betriebe mit einer Sperre belegt. Die behördlichen Verfügungen begründeten sich auf drei Verdachtsmomente: Bei einem Teil bestand der Verdacht des Medikamentenmissbrauches, bei einem weiteren jener auf Verwendung unzulässiger Stoffe in der Tierernährung, also verbotenem Medikamentenzusatz in den Futtermitteln, und bei einer dritten Gruppe wurden im Rahmen des Rückstandsmonitorings Hemmstoffe nachgewiesen. Das letzte Wort in der Causa Medikamentenmissbrauch in der Schweinemast wird nunmehr der Staatsanwalt haben, der über das weitere Prozedere entscheidet - Anklage bei Gericht, Abtretung an die Verwaltungsbehörden oder Einstellung. (APA)