Wann immer ich zu wählen hätte zwischen meinem Privatleben und dem Film", bemerkte Fritz Lang, "wählte ich den Film." Aber es sieht so aus, als hätte in diesem Augenblick weder die Person noch der Film auch nur die geringste Wahl gehabt. Auf dem Programmheft des Imperialkinos hat er - wie Gründgens in Liebelei - ein Monokel ins linke Auge geklemmt. Aber sein Blick ist skeptischer, als dies auch nur die geringfügigste Liebelei zulässt. Dabei hatte Fritz Lang genug Glück. Er war fünf, als das Kino erfunden wurde, die frühesten Erfahrungen hielten seine Leidenschaft noch unter Verschluss. Den Gedanken, dass Verhängnis leicht ohne Glück auskommt, aber Glück kaum ohne Verhängnis, hätte er vermutlich akzeptiert - soweit er Theorien überhaupt akzeptabel fand. Die vernünftigen Einwände gegen seine Marotte hätten ihn zwar nicht beirrt, aber doch: Die Gerechtigkeit siegt fast nie ohne eine leichte Lädierung, die ihm später noch eine Weile lang die Lust an sich selbst nehmen wird. Fritz Lang jedenfalls beschränkte den Optimismus, der ihm nicht anzusehen ist, vor allem auf die Bilder. Nur sie sind für ihn nicht zu korrumpieren, ihre Themen umso rascher: die Liebe durch die Neurose, das Gesetz durch Profiteure, die Kunst durch den Markt. Er wählte das Exil. Aber auch dort war ihm Brecht zu didaktisch und Hollywood zu moralisch. Als der Produzent Erich Pommer ihn zum ersten Mal traf, konnte er nicht glauben, dass der, den er vor sich sah, bisher Postkarten gemalt hatte wie Hitler, aber in seinen Filmen die Mittel des Impressionismus verwendete, Schatten und Lichter, das Sinnfällige und seine Faszination, das Vorfeld jeder Nouvelle Vague und ihr Altern. Trotz seiner Unsentimentalität war er zuerst nicht frei von Illusionen. In seinen ersten Hollywoodfilmen wirken die USA kindlich, ihre Kleinstädte noch nicht als mögliche Vorstufen der Anarchie. Er gönnt in frühen Filmen wie Fury (1936) den Jungvermählten (Spencer Tracy und Sylvia Sidney) noch einen ersten Blick auf Überlandfahrt, Schlafzimmerattrappe und Hochzeitskleid, um sie erst auf den zweiten Blick auf den Rest gefasst zu machen. Was ist schlimmer, der müde Tod oder das müde Leben? Am Ende steht der noch unglaublich junge Spencer Tracy vor einem Schaufenster (zu sehen am Montag, 4. 4. 2001 im Imperialkino, Platzwahl frei, alle Stummfilme dabei mit Live-Klavierbegleitung). Das tröstet darüber hinweg, dass man jetzt, um Stan Laurel und Oliver Hardy zu sehen, nach Breitensee fahren muss, das vor kurzem auch von H.C. Artmann allein gelassen wurde. Wie das House by the river (USA 1949, am 14. 4. und 4. 5. im Imperialkino). Der entscheidende Satz fällt gleich zu Beginn: "I hate these rivers". Für den jungen Dichter, der das Haus bewohnt, treibt, kurz nachdem er die Absage eines Verlagshauses aus dem blechernen Briefkasten holte, eine tote Kuh im Fluss vorbei. Die Leiche eines Dienstmädchens wird versenkt, zum Glück gibt es den Fluss, das unverlässliche Wasser, auf das man bauen kann. Frösche und Papierschiffchen müssen von dem Grashüpfer ablenken, der geängstigt über das immer noch unveröffentlichte Manuskript jagt. Unvermutet ein bourgeoises Interieur, gestreifte Seidenbezüge, die makellose Figur einer ratlosen Geliebten auf dem Teppich lassen den (gewesenen) Betrachter, nachdem die Kinotüren rasch versiegelt wurden, nachdenklich in der Rotgasse zurück, die kein Mond und auch sonst nichts beleuchtet: mit wenig Größenfantasien. Das Programm mit dem Gesicht von Fritz Lang steckt in der Tasche. Aber soll man bei sich behalten, was man kurz vor jeder Nacht wegen seiner Flüchtigkeit und Unwiederholbarkeit kurz zu erreichen suchte? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 3. 2001)