Wien - In den Horváth-Stücken bewegen sich die süßen Mädeln zunächst zu Walzerklängen in Puppenkliniken. Oder sie tauchen aus schmutzigen Abwässerkanälen herauf: Undinen, vom Schicksal ans Licht gespült. Erst später stürzen sie hart aufs Pflaster; stoßen sich an den Horváth-Männern die Gemüter wund. Für die Mannsbilder aber scheinen sie für die Dauer einer Weltsekunde oder eines verlegenen Schweigens aus Luft und aus Licht gebaut. Dann ist es schon zu spät; die Geschlechter eint ja nur die universelle Menschenblödheit. Die ist, weit vor jeder sozialen Verelendung, die größte Gleichmacherin. Ödön von Horváth verzahnt in der frühen Hotelkomödie Zur schönen Aussicht das Gesellschaftsspiel der im Ausgedinge sitzenden Zeittotschläger mit dem Passionsspiel des fahrlässigen Damenrufmords. In der verwahrlosten Pension irgendwo in den Alpen hat jeder jeden in der Hand; weiß der Hoteldirektor auf den Lieferanten etwas, der Kellner auf den Chauffeur, die Baronin auf den Bruder. Der liebe Gott aber, der im Theater Gruppe 80 hinter einer Spiegelwand als Frau verkleidet die Querflöte lautlos bläst, auf alle dasselbe: Schlafes Häfenbrüder sind sie alle, waren sie, werden sie ewig bleiben. Und die eingemietete Baronin Stetten (Elke Claudius) gibt die rosige Königin Made, die nach den verschlafenen Würstchen mit dem Speck ihrer kolossalen Reizlosigkeit wirft. Was aber könnte Regisseur Stefan Weber ausgerechnet an dieser Partitur gereizt haben? Hier spielt Horváth die Menschheitspassion noch als heiter beschwingte Swing-Grammophonplatte ab. Es taucht unvermutet die Erlöserin auf: Christine, vom Hoteldirektor mit einem Kindlein beschenkt, von der toten Tante mit einer schönen Mitgift versehen, was nur keiner der versammelten, vergammelten Schmutziane ahnen kann. Man tafelt aufgeräumt vor einer viel zu langen Rezeptionstheke. Katrin Thurm spielt die Christine mit der unnahbaren, leicht schlafgestörten Überlegenheit einer Referentin für Frauenfragen. Wo geht es hier zum geheimen Angstzentrum des Stücks? Stefan Weber winkt ab. "Kusch!" Immerhin Hary Prinz versieht den Kellner mit dem Charme einer schlafwandelnden Kratzbürste. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 3. 2001)