Wien - Perestroika und Glasnost, Umbau und Transparenz. Als die ÖBB im Vorjahr Michail Gorbatschow, den einst mächtigsten Mann der Sowjetunion, für einen TV-Spot engagierten und die Worte Perestroika bzw. Glasnost sagen ließen, dachten die wenigsten daran, dass der Umbau so radikal ausfallen würde wie vorgesehen. Der halbe Bahn-Aufsichtsrat ist schon ausgewechselt, die Vorstandsetage wird demnächst neu eingerichtet. Die Bewerbungsfrist für die Topjobs endet morgen, Samstag. Rund 50 Personen bewerben sich um die Topjobs, darunter auch Generaldirektor Helmut Draxler. Die Neuausschreibung war nötig geworden, weil die Verträge der ÖBB-Führungscrew Draxler, Helmut Hainitz, Anton Hoser, Fritz Proksch und Gerhard Stindl Ende Juli auslaufen. Die größte Änderung steht den ÖBB noch bevor: Das bisher integrierte Unternehmen soll in mehrere Gesellschaften zerschlagen werden. Das haben ÖVP und FPÖ im Koalitionsabkommen paktiert. Die Einbringung des Schienennetzes in eine eigene, vom Bereich Personen- und Güterverkehr der ÖBB unabhängige Gesellschaft, soll zu mehr Wettbewerb auf der Schiene führen, sagt die Regierung. Die Gewerkschaft kontert: "Damit will man die letzte rote Bastion sprengen." Gewerkschafter im Rahmen eines Aktionstages Am Donnerstag wetterten Gewerkschafter im Rahmen eines Aktionstages der Internationalen Transportarbeiter-Föderation in Wien gegen die Zerschlagung der ÖBB. Sie verwiesen auf die Situation in Großbritannien, wo die Teilung der Bahn radikal durchgezogen wurde. Die dortige Schienengesellschaft, ein profitorientiertes Unternehmen, habe kaum mehr Geld in das Bahnnetz gesteckt - mit der Folge, dass Bahnfahren in Großbritannien "inzwischen ein Sicherheitsrisiko" sei. Die Sache mit "profitorientiert" hat dort nur einen Haken: Die Bahn ist gegen die Straße mittlerweile chancenlos. Das Schnittmuster für die "ÖBB neu" sieht grob Folgendes vor: An die Stelle des integrierten Unternehmens Bahn soll eine ÖBB AG treten, in die der Personen- und Güterverkehr eingebracht werden. Widerstände gegen die Zerschlagung der ÖBB Daneben soll eine Schienen-Infrastrukturbetriebs AG entstehen mit der Aufgabe, den Netzbetrieb zu managen. Die Finanzierungsgesellschaft Schig soll zu einer Schienen-Infrastrukturbesitzgesellschaft weiterentwickelt werden und auch für den Infrastrukturbau und das Immobiliengeschäft zuständig sein. Die schärfsten Widerstände gegen die Zerschlagung der ÖBB kommen von Gewerkschaft und SPÖ. Wenn die Bahn auseinander gerissen würde, könnten Kosten von bis zu 1,5 Mrd. Schilling (109 Mio. EURO) entstehen, heißt es. Rund eine Milliarde Schilling an Synergien gingen allein deshalb verloren, weil ein geschäftsübergreifender Personaleinsatz nicht mehr möglich wäre und vieles doppelt gemacht werden müsste - vom Software-Ankauf bis zur Personalverrechnung, hat sich ÖBB-Chef Draxler wiederholt skeptisch zu den Teilungsplänen geäußert. Wenn schon eine Trennung Absatz/Infrastruktur, dann sollte als Klammer zumindest eine Holding Gesellschaft drüber gesetzt werden. Schließlich sei man auch in Deutschland auf dem Weg in diese Richtung. (Günther Strobl/ DER STANDARD Print-Ausgabe 30. März 2001)