Wien - Das Schlimmste, das man zu diesem Film im Vorfeld sagen kann: Miyazaki Hayao, der "japanische Walt Disney", hat einst in grellbunter TV-Vergangenheit die wahnwitzig niedliche Heidi -Serie verantwortet: Hollarioooo!

Dieses Vorwissen erschwert vielleicht zusätzlich den Gewöhnungsbedarf, den man als westlicher Kinogeher mit den obligaten Kulleraugen fernöstlicher Animationskunst hat. Spätestens nach zehn Minuten der 2 1/4 Stunden von Prinzessin Mononoke ist man aber hin und weg: Dieses Epos vom Kampf mythischer Tiergötter gegen menschliche Naturzerstörung, das bereits 1997 produziert wurde, und jetzt erst in Multiplex-Nebensälen verramscht wird - es ist schlicht ein kleines Wunder.

Vor unfassbar opulenten Hintergrundprospekten entfaltet Miyazaki Hayao eine vielschichtige, märchenhafte Kriegsgeschichte, die es an mythischer Wucht und in der Komplexität der Figuren etwa mit Tolkiens Herrn der Ringe aufnehmen kann.

Gleichzeitig ist alles auf höchste Erzählökonomie ausgerichtet: Jeder Charakter entwickelt sich allein aus seinem Handeln, aus Action im allerbesten comicshaften Sinne. Die schießwütige Eisenhüttenbetreiberin etwa, die aus einem Hass gegen Götter und Männer vor allem Aussätzige und Freudenmädchen beschäftigt, dürfte im Kinosegment der "Familienunterhaltung" einzigartig sein.

Dasselbe gilt für den todgeweihten, beständig vom Hass verseuchten und dennoch edlen Prinzen Ashitaka, oder für die Titelheldin, die - am besten als "Dämonenprinzessin" übersetzt - mit blutverschmiertem Gesicht als das unschuldigste aller Menschenwesen eingeführt wird.

Prinzessin Mononoke ist eines jener intelligenten Spektakel, in denen drastische Momente nie Selbstzweck, sondern Denkanstoß (kurz, bevor einem Sehen und Hören vergeht) werden können. Auf höchsten Lärm folgt oft ein Verzicht auf Ton, der an Höhepunkte des Avantgardekinos erinnert. Man verlässt das Kino nachher mit einer Wehmut, die der Melancholie der zum Kampf verurteilten Helden entspricht. Kinder und Erwachsene werden im gegenwärtigen Kinoangebot - abgesehen von Ang Lees Tiger & Dragon - nichts Vergleichbares finden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2001)