Als wären sie von Geisterhand gelenkt, so gut fügen sich die kleinen und großen Dinge dieser Welt manchmal zusammen. Da gibt es Krieg in Dagestan zwischen tschetschenischen Rebellen und einheimischen muslimischen Fundamentalisten auf der einen und den Russen auf der anderen Seite. In Gegenreaktion dazu explodieren Megabomben in Moskau. Gleichzeitig klettert der Ölpreis von zehn US-Dollar im Frühjahr innerhalb kürzester Zeit auf ein Rekordhoch von 22 Dollar.

In Deutschland stagniert der hastig angekündigte Atomausstieg - ein paar hilflose rot-grün Politiker vermeinen, Erdgas könnte die Nukleartechnologie ersetzen. In Osttimor eskaliert ein Bürgerkrieg in dem von Indonesien beherrschten Gebiet der Erdöl-und Erdgasstätten. In Österreich ringt man in den Bundesländern um die Durchführungsverordnungen des Elektrizitätswirtschaftsorganisationsgesetzes (EIWOG). - Und wo ist das Gemeinsame?

Gefährliche Kettenreaktionen

Ungeachtet der Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen: In einem globalisierten System können jederzeit Kettenreaktionen größeren Ausmaßes entstehen. Es gehört jedoch offensichtlich zu den Wesenselementen der menschlichen Psyche, Gefahrenmomente zu verdrängen und auf die Entwicklung langfristiger Strategien zu verzichten. Längst hat auch die Politik diese Haltung zur Handlungsmaxime gemacht.

Der Erdölschock 1973 war noch ein wirtschaftspolitisches Konstrukt einiger ölproduzierender Staaten, das per Dekret jederzeit korrigiert werden konnte. Der zweite Ölschock 1979 war die Folge eines regionalen Machtwechsels im Iran. Die derzeit aufkeimenden Auseinandersetzungen um die Restressourcen der Erde zeigen dagegen, dass die bevorstehende Energiekrise ernster ist als die vorangegangene:

Durch ein unabhängiges Dagestan würde Russland von den fossilen Energievorkommen in Baku abgeschnitten werden, was auch mit unabsehbaren Wirkungen für die restliche Welt verbunden wäre. Die Pläne für eine Transit-Pipeline wurden bereits zerstört. Im Konflikt um Osttimor zeigt sich, dass Jakarta Osttimor auf Grund der dort vorhandenen Energiereserven niemals in die Unabhängigkeit entlassen wird. Daran wird auch ein UN-Truppeneinsatz nichts ändern. (Im Übrigen bliebe selbst ein unabhängiges Osttimor nur Spielball verschiedener Erdölinteressen.)

Faktum ist: Weltweit schlittern Erdölschwemmländer, die zwar massenhaft produzieren aber wenig verdienen, in die Finanzkrise. Wenn sie kurzfristig auf die Förderbremse steigen, klettert der Rohölpreis zwar nach oben, doch finden sich immer Länder, die die Drosselung unterlaufen. Soziale Unruhen - siehe die angedrohten Streiks auf den Ölfeldern von Venezuela - erhöhen die Spannungen.

Wenn dann der Ölpreis und der an ihn gekoppelte Gaspreis wieder sinken und einzelne Konfliktregionen befriedet werden können, sind dies nur Korrekturen, die nichts daran ändern, dass das Gesamtsystem täglich krank und kränker wird. Im globalen Spiel gibt es keine Unbeteiligten: Die Erhöhung des Rohölpreises bekommen letztlich alle zu spüren.

In Österreich dürften es einige politische Köpfe bereits erahnt haben (oder sie sind auch nur durch die dauernden Querelen von Energiepropheten darauf gestoßen worden), dass eine eigenständige, roh-
stoffunabhängige Energieversorgung in Zukunft ein wichtiges nationales Anliegen sein muss. Sie haben nämlich, wenn auch nur schwammig und mit ungenügenden Durchführungsbestimmungen, im EIWOG festgelegt, dass bis zum Jahr 2005 drei Prozent des österreichischen Strombedarfs aus Sonne, Wind und Biomasse bereitgestellt werden müssen. Die Durchführung ist den Landesregierungen überlassen.

Ökonomische Überlebensfrage

Angesichts der eingangs beschriebenen bedrohlichen Turbulenzen müssten jedoch alle langfristig denkenden Kräfte des Landes, von den Energieversorgern über die Regionalpolitik bis zum Wirtschaftsminister, schnellstens - über alle Parteigrenzen hinweg und über zaghafte Ansätze hinaus - ein Umstiegsszenario entwickeln: weg von atomarer und fossiler Energienutzung hin zu erneuerbaren Energieträgern.

Schon morgen nämlich könnten einige der zahllosen Pulverfässer in den Krisenregionen dieser Welt explodieren. Dann wird eine eigenständige und unabhängige Energieversorgung über Nacht zur sozialen und wirtschaftlichen Existenzfrage.

Dr. Hans Kronberger ist Experte für erneuerbare Energieträger und Sachbuchautor; der ehemalige ORF-Redakteur vertritt die FPÖ im Europäischen Parlament.