Spätestens nach 50 Kilometern in Senj, der kleinen Stadt mit der abweisenden Trutzburg, steht fest, dass Gott die Küstenstraße nicht gewollt hat. Gott wollte hier Fjorde zwischen hohen Gebirgszügen, welche von Ost nach West verlaufend direkt ins Meer ragen. Platz für Straßen hat er keine gelassen. Die Kommunisten haben das Zeichen natürlich missachtet und in den 60er-Jahren trotzdem eine gebaut. Dabei verläuft weit im Hinterland ein schönes, breites Tal in Nord-Süd-Richtung, das vernünftige Touristen nehmen, wenn sie an die Adria fahren. Oder sie kommen gleich übers Meer. Drüben in Italien haben sie flache Sandküsten, und wo nicht, gibt es eben auch keine Straße - etwa bei den berühmten fünf Dörfern an der ligurischen Küste bei La Spezia, die "Cinque Terre" genannt werden und heute eine Attraktion sind, eben weil keine Straße hinführt. Hier gibt es eine. Aber was für eine! Gut immerhin, dass einen immer wieder ein Lkw aus seinen Betrachtungen reißt. Bremsen, auskuppeln, schalten. Gegenverkehr.

Die berühmte Adria-Magistrale, auch Europastraße 27 genannt, ist wahrscheinlich eine der schönsten Straßen der Welt. Als Autofahrer kann man das immerhin ahnen. Ganz selten nur reicht das Meer hier bis zum Horizont, meistens verstellen die Inseln den Blick, dunkle Berge, die einfach so im Meer liegen und deren Ränder in der Sonne silbern glänzen. Die Straße führt selten durch Orte, und wenn, fürchtet man zu stören - ein Eindruck, den einem die freundlichen Einheimischen dann mit Schildern "Zimmer frei", "Zimer", "Rooms" oder "Camere" dann doch wieder nehmen.

Wenn man von Norden kommt, spürt man die Adria schon von ferne. Gleich nach der Grenze fängt es an nach Mittelmeer zu riechen. Nahe dran ist man, wenn hinter den nächsten grünen Hügeln keine übernächsten mehr zu sehen sind. Dort liegt dann das Meer. Wirklich zu sehen ist es erst kurz vor Rijeka - mit einem feinen weißen Schleier überzogen, Millionen kleine Lichter, geometrisch genau angeordnet: die Sonne auf jeder Welle.

Eine Stunde nun schon geht es an der endlos langen Adriaküste entlang. Links die gewaltigen Felsen, ein paar Lorbeeren, Olivenbäume, etwas Gestrüpp. Rechts das blaue Meer. Dazwischen Kurven, Kurven, Kurven. 530 Kilometer Luftlinie sind es von Triest bis nach Ulcinj an der albanischen Grenze. Auf dem Tacho stehen am Ende fast doppelt so viele.

Im Reiseführer heißt es, in Wirklichkeit sei die Küste mehr als6000 Kilometer lang; die Straße folgt also einer begradigten Linie, auch wenn man das spätestens in Senj nur noch höhnisch kommentieren würde, wenn man es dort erführe. Aber man weiß es ja, wenn überhaupt, schon vor der Reise. Denn während der Fahrt ist es unmöglich, in den Reiseführer zu schauen und anhalten empfiehlt sich auch nicht. Tut man es doch, zieht der Kalksandsteintransporter mit dem Spliter Kennzeichen wieder vorbei, den man soeben unter Einsatz des Lebens überholt hat. Wer will sich derselben Mühe zweimal aussetzen? Bremsen, Einschlagen, Auskuppeln, Schalten und Gas geben lassen wenig Kraft für Weiteres. Das Radio spricht kroatisch. Hinter jeder Kurve versucht ein anderer Sender, sich Gehör zu verschaffen.

Wenn man schon nicht die Landschaft betrachten oder Radio hören kann, hängt man wenigstens seinen Gedanken nach. 6000 Kilometer? Sind Küsten nicht unendlich lang, angenommen, man fährt mit einem imaginären Mikrostift um jedes Molekül Fels? Ist das, was wir auf der Karte als Küste sehen, nicht eine höhnische Vereinfachung? Am besten geht es voran, wenn es mal nicht am Meer entlang geht - hinter der Maslenica-Brücke, wo die Straße geradeaus durch eine angenehm langweilige Ebene führt.

Hinter Split wird es schön. Die Straße führt durch das bezaubernde Omis, einen stolzen und soliden, aber bescheidenen Ort mit schönem Strand, steinernen, ulmenbestandenen Terrassen, auf denen feine Herren mit Strohhüten und schmalen Schnurrbärten Zeitung lesen. Gleich hinter Omis hält die Adria-Magistrale das größte Landschaftserlebnis bereit: Plötzlich ragen zwei riesige Felsen vor der Stoßstange zum Himmel hinauf. Zwischen sich lassen sie gerade Platz für die Straße. Hier geht es nach Bosnien, verrät ein Wegweiser. Zum Glück biegt die Straße kurz vor dem Höllentor nach rechts ab und führt zurück zur Küste. Begleiteten rechts bisher noch solide Leitplanken, so warnen hinter Split nur noch schwarz-weiße Stipfel davor, nach rechts auf die Felsenküste zu kippen.

In Makarska stehen Palmen am Weg. Ulmen, Palmen, Kurven. Plötzlich eine Grenze, ein Städtchen und schon wieder eine Grenze - Bosnien-Herzegowina: Guten Tag, Auf Wiedersehen! Dubrovnik soll sehr schön sein. Es ist, von der Straße aus gesehen, aber leider weit unten, und hier oben am Felsen muss man höllisch aufpassen, weil die Busse des Reisebüros Atlas fahren, als wenn sie allein auf der Straße wären. Wo es am schönsten ist an der unendlich langen Adriastraße?

An der Mündung der Neretva. Sanfte Hügel, eine kleine Seenplatte, die der Landschaft ein scheckiges Aussehen gibt. Meer gibt es hier keines. Aber riesige Orangenplantagen; an der Straße stehen unter Strohdächern rauchende Frauen und verkaufen fünf Kilo für 70 Schilling. Dann geht es noch einmal durch sanfte Hügel zurück zur Küste. Runterschalten. Links weiße Steine, rechts das blöde, blaue Meer.