Die Frage wird in Douglas Couplands Generation X nur rhetorisch gestellt. Denn Berühmtheiten sind im Universum seiner Microserfs , also jenem der utopielosen Systemerhalter des postkapitalistischen Dienstleistungssektors, nur eine demoskopische Größe, eine ökonomische Ausgeburt mit meist baldigem Ablaufdatum. Auch Susan Colgate, die eigentliche Hauptfigur aus Couplands jüngstem Roman Miss Wyoming , hatte ihren kurzlebigen Ruhm nie sich selbst zu verdanken. Ihre Mutter, mit Glück einer inzestuösen Bergsippe entkommen, hat sie von Kindheit an auf Größeres vorbereitet, sie als Investition verstanden, an ihr gefeilt und gezupft und selbst vor aufoktroyierten Schönheitsoperationen keine Scheu gehabt. Eingestellt hat sich jedoch nur eine mediokre Karriere im Showgeschäft: Susan als adrettes Mädchen auf unzähligen Misswahlen quer über dem Kontinent, später als Star einer Fernsehserie und dann als Scheinehefrau eines homosexuellen Popstars. Der fast prototypische Fall eines Kindstars, der den Sprung in die erste Liga nie geschafft hat. Das Geld gab außerdem bloß ihre Mutter aus. Begegnung mit weit reichenden Folgen Coupland entwirft das Geschehen retrospektiv in elliptischer Form und auf verschiedenen Zeitebenen, so als wolle er jedem linearen Sog trotzen. Am Beginn steht eine Begegnung mit weit reichenden Folgen, eine romantische Epiphanie, die im Werk des US-Schriftstellers recht anachronistisch wirkt: Colgate trifft in einem Restaurant mit dem Filmproduzenten John Johnson zusammen, und nach einem gemeinsamen Spaziergang sind sie verliebt. Bis sie sich auf den letzten Seiten des Buches wieder sehen, wird Coupland weit ausholen in ihre Vergangenheit, sie als zwei Existenzen ausweisen, die über vergleichbare Krisen fast schicksalshaft aufeinander zulaufen. Johnson beschreibt er zunächst als eigenbrötlerisches Kind, das es im Unterschied zu Colgate eher durch Zufall nach Hollywood verschlagen hat. Gemeinsam mit seinem Freund Ivan hat er es dort mit formelhaften Actionfilmen zu ansehnlichem Reichtum gebracht - als Vorbild dürfte Coupland übrigens das Blockbuster-Erfolgsduo Don Simpson und Jerry Bruckheimer im Sinn gehabt haben -, aber mit dem Erfolg stellt sich für Johnson auch die obligate Sinnkrise ein. Mit Drogen zugepumpt, landet er im Krankenhaus, wo ihm Colgate als mystische Vision erscheint. Er beschließt ihrem Beispiel zu folgen, hatte sie doch unlängst damit Schlagzeilen gemacht, dass sie - nach einem Flugzeugabsturz für tot erklärt - plötzlich wieder aufgetaucht war. Auch Johnson drängt es nunmehr dazu, sein "wahres" Ich zu finden, indem er sich selbst verliert. "There's motel in the heart of every man" Das Motiv des Aussteigens, die Initationsreise auf unbegrenzten US-Highways, von Jack Kerouac einstmals in On the road schwelgerisch zum essenziellen Glückszustand erhoben - sie lassen sich in Miss Wyoming natürlich nur noch als sinnentleertes Zitat erfahren; "There's motel in the heart of every man", mit diesem Satz lokalisierte schon Don DeLillo in seinem Debüt Americana die romantische Vorstellung seines Helden vom Leben auf der Straße im Kontext der Warenkultur. Bei Coupland wird im Falle von Colgate das Überleben der Flugzeugkatastrophe nur bedingt zur Möglichkeit, sich vom Einfluss der übermächtigen Mutter zu emanzipieren. Johnsons Flucht in die Anonymität endet noch um einiges armseliger, wenn er nackt, sonnenverbrannt und erkenntnislos in der Wüste aufgelesen wird und sich selbst die Vision von Colgate als Nachbild aus dem Fernsehen herausstellt: "Auch seine Wanderschaft war nichts als ein Selbstbetrug, sein Überlebenstraining ein einziger Witz. Er kam sich vor wie in einem teuflischen New Yorker Cartoon mit dem Text: , Ihr Gesicht gehörte nur irgendeiner Fernsehschauspielerin, an der deine Neuronen sich festgesogen hatten. '" Als Antwort auf diesen Selbstbetrug, der ja nur eine von vielen Identitätsvariationen ist, hat Coupland die Kraft der Liebe parat. Er meint es offenbar ernst mit seiner American Romance , denn als Colgate abermals verschwindet, macht sich Johnson auf die Suche nach ihr, mit einem Eifer, als hinge sein ganzes restliches Leben davon ab. Glauben kann man es trotzdem nicht ganz, denn die beiden Showstars sind viel zu sehr Modelle für die soziologischen Verdichtungen ihres Autors, als dass man ihnen diese Tiefe der Gefühle noch zutrauen würde. [](Von Dominik Kamalzadeh)