Takeshi Kitano ist zurück: Nach seinem Roadmovie Kikujiros Sommer (1998) hatte sich der Japaner mit den vielen Talenten erstmals mit einem Filmprojekt außer Landes begeben, um mit dem britischen Produzenten Jeremy Thomas und einem US-Partner eine Koproduktion nach seinen eigenen Regeln und mit seinem bewährten Team zu drehen.

Herausgekommen ist eine kurze Geschichte vom Töten. Brother, Kitanos neunte Regiearbeit, folgt einer relativ geradlinigen Logik: Yamamoto (Kitano) landet in Los Angeles, nachdem er bei seiner Yakuza-Familie in Tokio in Ungnade gefallen ist.

Die neue Umgebung mit ihren Codes und Gepflogenheiten wird per stoischer Negation vermeintlich bewältigt: Yamamoto, ökonomisch unabhängig, bleibt ganz einfach ein Fremder, tut, was er am besten kann, und baut die "multikulturelle" Streetgang seines kleinen Bruders Ken (Claude Maki), der unter anderem Denny (Omar Epps) angehört, zu einem Mini-Drogenkartell um. Was unter anderem heißt, sich mit der japanischen Konkurrenz vor Ort, mit den Latino-Bossen und mit der Mafia anzulegen.

Yamamoto erhält dabei zwar Verstärkung von seinem treuen, alten Weggefährten Harada (Ren Osugi). Doch das Unternehmen ist trotzdem schnell dem Untergang geweiht. Bald wird die Routine aus abhängen und Geld zählen im Yamamoto-Hauptquartier, einem sparsam möblierten Loft in Downtown L. A., in immer kürzeren Abständen von gewalttätigen Racheattacken heimgesucht. Die Getreuen werden Mann um Mann dezimiert, bis am Ende nur noch einem einzigen die Flucht gelingt.

Kitano agiert in Brother über weite Strecken als Arrangeur charakteristischer Versatzstücke und Stilmerkmale seines eigenen Oeuvres. Er pflegt seine Vorliebe für perfide Spielsituationen - trickst höchstpersönlich beim Würfeln oder lässt Harada beim Basketball gegen zwei Köpfe größere Gegner verlieren.

Neu an Brother ist die Vehemenz, mit der gemordet wird. Etwa ab der Hälfte des Films beginnt ein wechselseitiges Abschlachten der gegnerischen Banden, das man in dieser Ausschließlichkeit in seinen früheren Filmen, die zum Großteil unter wenig zimperlichen Männern spielten, noch nicht gesehen hat.

Kitano zeigt das Sterben mal als Action-Painting, mal als Blitzlichtfoto - peng!, ein roter Blutfleck an der Wand, ein kurzes Aufflackern von Mündungsfeuer, ein "Trophäenbild" oder Tatortfotos.

Das "Andere" hat der Regisseur wohl vor allem in verwandten Bilderwelten gefunden, und so inszeniert er sich ein finales Shootout wie ein Italowestern-Ende und den Angriff der Mafiakiller als MG-Phalanx in Großaufnahme - wie aus Roger Cormans St. Valentine Day's Massacre. Seine Figuren dagegen verschwimmen in diesen Tableaus zu zweidimensionalen Platzhaltern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 5. 2001)