Eigentlich wollten "Radiohead" keine Platten mehr verkaufen. Das wäre ihnen mit "Kid A" auch fast gelungen. Dumm nur, dass sich Millionen Käufer dagegen wehrten. Mit Band- Mitglied Colin Greenwood hielt Christian Schachinger darüber ein kleines Nickerchen. Berlin - "Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass wir mit der Veröffentlichung von Kid A kommerziellen Selbstmord begehen wollten. Andererseits war die Zukunftsperspektive, so wie Bono Vox und U 2 in Football-Stadien zu enden, alles andere als verlockend. Wer einmal in seinem Leben an Orten wie diesen gespielt hat, und wir haben das, weiß Gott, oft genug getan, weiß eines mit Sicherheit: Die Kohle auf dem Konto mag stimmen, aber mit der ursprünglichen Intention, ein kreativer Künstler sein zu wollen, hat das absolut nichts zu tun." Ein wenig merkwürdig ist die Situation schon. Da sitzt man in einem Berliner Nobelhotel einem Colin Greenwood genannten britischen Kunststudenten und Musikgroßverdiener gegenüber, der mit seiner Band Radiohead in Los Angeles gerade einen Grammy als weltweit "bester Alternative Act" gewonnen und wochenlang mit dem Album Kid A den ersten Platz der Hitparaden belegt hat. Und Greenwood hat dem Wiener Interviewer während seiner in der nächsten Stunde durchaus vorkommenden Wachphasen (Berlin, Hauptstadt der lustigen Haschkekse!) nichts Besseres zu erzählen, als dass es sich eigentlich bei österreichischen Underground-Elektronik-Radikalen wie Christian Fennesz oder Pita vom Kleinlabel Mego um jene Segnungen moderner Tonsetzkunst handeln würde, die heutzutage nicht nur als einzig relevant anzusehen seien. Bei deren sehr, sehr tief unter kruden Geräuschblöcken vergrabener Musikalität handle es sich auch noch um das Schönste von überhaupt! Entschuldigung, aber wie war noch genau die Frage?! Nicht nur, dass so eine Audienz mit einem Mitglied der weltweit derzeit nicht nur innovativsten, sondern obendrein auch noch erfolgreichsten Rockband der Welt ausgiebigst sämtliche bisher weltweit erforschten Pausen zwischen Frage und Antwort Richtung Aufgabe des Raum/ Zeit-Kontinuums dehnt, die diesseits eines gemütlichen Plausches mit US-HipHoppern auf der Suche nach dem ultimativen Joint angesiedelt sind. Collage-Techniken "Irgendwann hatten wir nach all den Jahren ... traditionellen Songwritings ..., irgendwann hatten wir ... einfach keine Lust mehr, ähm, ... Lineare Erzählstrukturen interessieren uns zur Zeit jedenfalls ... nicht." Das mit der Erläuterung, wie man sein Interesse am Song verliert, die eigene Band musikalisch radikal abschafft und atomisiert und nach einem mehrjährigen Writer’s Block wieder völlig neu erfindet, wäre auch interessant. Immerhin ging mit diesem bewussten "Verschwinden" von Radiohead hinter von Neuer Elektronischer Musik abgeschauten Soundblöcken, Collage-Techniken und der Aufgabe des herkömmlichen Songschemas von Strophe und Refrain auch ein beinahe schon als kitschig zu bezeichnendes Verweigerungspathos von geläufigen Werbestrategien einher. Keine Interviews, keine Tourneen, keine Videos, keine Singles. Damit stellten sich Radiohead im Vorjahr anlässlich der Veröffentlichung von Kid A derart ins Out, dass die darüber neugierig gewordene Weltöffentlichkeit nur so reagieren konnte: Sie stürmte millionenfach in die Geschäfte und erwarb das tatsächlich künstlerisch atemberaubende "Comeback-Album" Kid A . Schließlich ist es alles andere als üblich (das Übliche, Feind der Moderne!), dass sich Musiker, die nach ihren Anfängen als wunschlos-unglückliche, unfassbar pathetische, also europäische Variante des US-amerikanischen Beschwerde- oder Grunge-Rock ( Pablo Honey ), über die Welteroberungsstrategien des Millionensellers OK Computer und dessen elegischen Artrock-Studien in der Nachfolge von Pink Floyd oder Procol Harum heute in platinveredelten Experimentalsphären bewegen, die ansonsten bei kleinen Firmen wie Warp , Mego oder Mille Plateaux beheimatet sind - und höchstens in den exklusivsten Zirkeln diskursiv behandelt werden. Allerdings wird dieses leidenschaftliche Bestreben, den Niederungen kommerzieller Höhen mit einem Absprung in die Obskurität zu entkommen, vom Konsumenten bestraft, der entgegen der Vereinheitlichung von Popmusik im Formatradio dennoch die Frechheit besitzt, eine Platte wie Kid A bis dato über drei Millionen mal zu kaufen. Ganz können sich Radiohead dem Widerspruch von intellektuellem Anspruch und gutem alten Songwriting ohnehin nicht entziehen. Es wäre auch zu schade, wenn die begnadete, kopflastige Tragödenstimme des Sängers Thom Yorke vollständig hinter der Musik verschwinden würde. Kann er doch dem Hörer in dessen sittlich weniger gefestigten Momenten mit todtraurigen, orchestralen Elogen wie dem Pyramid Song, enthalten auf dem nun nur ein halbes Jahr nach dem Erscheinen von Kid A nachgeschobenen Album Amnesiac , tatsächlich Tränen der Rührung und eine Herzerweiterung bescheren. Dinge versauen Colin Greenwood: "Das Schreiben von Songs, diese Aufgabenstellung wird niemals langweilig werden. Man muss sich nur immer wieder in Situationen bringen, die einem entgegenschreien: Pass auf, dass du jetzt nicht alles versaust! The concept of the possibility of fucking things up is very interesting." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 6. 2001)