Odessa - Josef Hader hüpft kleine Aufwärmrunden. Zwischen Portierhäuschen und Parkplatz zieht er seine Kreise, damit es keine "Sportverletzung" gibt, wenn er zum Sprint ansetzen muss. 50 Meter weiter bereitet sich noch einer vor, der aus der Ferne aussieht wie ein Hader-Zwilling. Später wird Hader dann an Dutzenden Statisten vorbei den Quai entlanglaufen, der ablegenden Fähre hinterher. Und sein Double wird ins Wasser hechten. Sicherheitshalber - weil: Der Mann hat das gelernt und außerdem gibt es angeblich Quallen und vernünftige Grenzen schauspielerischer Belastbarkeit.

Foto: Lotus-Film
Detlev Buck liegt derweil oben auf der Fähre im Liegestuhl. Den muss er allerdings dann einer alten Dame räumen. Denn Buck hat frei, und weil er heute gar nicht vorkommt, sollte er keinesfalls im Bild zu sehen sein. Und auch seine freundlichen Anfeuerungsrufe - "Josef, jump!" - verhallen im Off dieser Geschichte. Schauplatz dieser Begebenheiten ist der Fährhafen von Odessa am Schwarzen Meer. Blickt man vom Schiff zurück aufs Land, dann kann man die Hafentreppe sehen, der Sergej Eisenstein 1926 mit einer Schlüsselsequenz in seinem Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin ein filmisches Denkmal gesetzt hat. Irgendwie sieht die Treppe in Wirklichkeit viel kleiner aus. Außerdem führt sie keineswegs bis zum Wasser, sondern zu einer Glas-Beton-Verbauung - dem Zugang zum Konzert- und Ausstellungszentrum -, dahinter verlaufen Eisenbahnschienen, und erst dann tut sich der besagte Fährhafen auf, wo sich vergangene Woche rund 250 Menschen versammelt hatten, weil hier ein österreichischer Spielfilm gedreht wird. Hader, Buck, die ukrainische Schauspielerin Viktoriya Malektorovych und die vielen anderen sind nämlich in der ukrainischen Metropole, weil Andrea Dusl sich das so ausgedacht hat. Dusl, bekannt als Zeichnerin und Kolumnistin bei profil , Falter oder Format , dreht dort Szenen für ihren ersten Spielfilm. Die Idee für diesen Film, den die Wiener Lotus-Film produziert und der den Titel Blue Moon haben wird, gibt es schon länger: In Michael Glawoggers Film über (noch) nicht realisierte Wunschprojekte, Kino im Kopf (1996), war Dusl mit ersten Skizzen dazu vertreten, das Drehbuch hat sie über Jahre hinweg immer wieder umgearbeitet. Fahrt nach Osten Blue Moon ist ein Roadmovie, das von Wien aus nach Bratislava, Zilina, Lemberg, Kiew führt und in Odessa endet. Der Film erzählt von Johnny Pichler (Hader), der aufgrund privater Krisen und der Begegnung mit einer geheimnisvollen jungen Frau (Malektorovych) dorthin aufbricht und dabei immer wieder die Wege des gestrandeten Ignaz (Buck) kreuzt. Warum gerade diese Route? Dusl meint, sie wollte ihr Roadmovie eben gerade nicht in den USA ansiedeln - zumal angesichts des riesigen Kontinents, der sich im Osten auftut und viel mehr mit Österreich zu tun habe als "Paris oder Mallorca oder wo die Leute halt hinfahren und glauben, sie wären zu Hause". Und Odessa? "Odessa war ein gutes Ende. Es ist eine Zeitmaschine, viele historische Epochen sind hier sichtbar - das Zarenreich, die Sowjetunion, das Opernhaus ist von Fellner und Helmer. Es hat so einen mythischen Klang, und dann gibt es noch eine Konnotation: Im Namen schwingt die Odyssee mit, das hat mir als Metapher gut gefallen. Es ist eine Hafenstadt, ein Ort, der nicht nur ein Ende ist, sondern auch ein Ausgangspunkt." Dusl dreht mit einem kleinen Team. Kameramann Wolfgang Thaler und Tonmann Ekkehart Baumung sind erfahrene Dokumentaristen ( Megacities ), und einzelne Szenen wurden halbdokumentarisch etwa mitten unter Passanten gedreht. Dieser Aspekt hat - neben der Geschichte - auch Josef Hader gereizt. Zum einen, weil er damit als Filmschauspieler persönliches Neuland betritt. Zum anderen, meint er, habe er sich gewünscht, einmal so zu arbeiten - "ich bin sehr gespannt auf den Film, auf die Bilder, die dabei herauskommen". Und da ist er nicht der Einzige. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 6. 2001)