Wenn der 1984 unter No-Budget-Bedingungen entstandene Film "Wiener Brut" als "legendärer Kult-Film" angepriesen wird und die burleske Handlung mit ihren besetzten Häusern und säuselnden Drag-Aristokraten mit Superlativen wie "blasphemisch", "anarchisch" und "absolut abgefahren" bedacht wird, läuft das Gefahr, bei einer nachgeborenen Zuschauerschicht Erwartungen zu wecken, die der Film selbst dann nicht zu halten imstande ist. Vielmehr sollte er als Zeitdokument gesehen werden. Nachdem Wien bis Ende der Siebziger Jahre ein der wohl verschlafensten und stinkfadesten Hauptstädte Europas gewesen war, entwickelte sich ab 1980 in Blitztempo ein Lokal- und Szeneleben, ohne das die heute als selbstverständlich erachtete Lebensqualität der Stadt nicht denkbar wäre. Analog zur Movida von Madrid und Barcelona war der homosexuelle Anteil an dieser Schnellblüte überdurchschnittlich hoch, bisexuell zu sein oder es vorzugeben war höchst en vogue . "Wiener Blut" ist Dokument dieses Euphorieschubs der Szene-Persönlichkeiten der Ära, einer letztlich zahlenmäßig gar nicht so großen Schicht von Stadtbewohnern: frech und großmäulig und - etwa der Figur einer biederen Sozialarbeiterin gegenüber - nicht unboshaft. Wenn der Film schlampig in Erzählweise und Schauspielerei erscheint, so ist dies nicht anders bei vielen Szeneprodukten jener Zeit (erinnert sei etwa an die beiden ersten Almodovars). Erwähnt werden sollte aber auch der traurige Aspekt an "Wiener Blut": Das Entstehungsjahr 1984 war für länger das letzte jener leichtlebigen Unbeschwertheit, wie sie durch alle Filmkader strömt. Ein Jahr darauf erreichte die Kenntnis der Krankheit AIDS auch Wien mit voller Wucht; Regisseur Hans Fädler war, wenn die Erinnerung nicht trügt, bald darauf das erste bekannte Krankheitsopfer. Unmittelbaren Folge war ein gesellschaftlicher Backlash, die Intoleranz hatte gut für ein halbes Jahrzehnt kräftig Oberwasser, Aufklärung und eine neue Welle der Toleranz griffen nicht vor den Neunzigern. Wenn also, wie es zur Zeit ja häufig passiert, gerne diskutiert wird, ob "die Achziger Jahre" nun himmlisch waren oder die Hölle, bietet sich "Wiener Brut" als Diskussionshilfe bestens an: Im Guten wie im Schlechten und wohlgemerkt für die Zeitspanne 1981-84.
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