Beobachter hatten mit etwa sechzig Prozent gerechnet - das wäre ein deutlicher Sieg für Amtsinhaber Mohammed Khatami gewesen, aber ebenso ein deutlicher Rückschlag, verglichen mit den fast siebzig Prozent, auf die er es im Jahr 1997 gebracht hatte. Das Ergebnis schien auf der Hand zu liegen: Khatami, der allzu zaghafte Reformer, wird heute von vielen Iranern und Iranerinnen als Systemerhalter, wenn vielleicht auch wider Willen, eingeschätzt und kritisiert. Und auch wenn das Wahlergebnis aus gerade entgegengesetzten Gründen zustande gekommen wäre - zu wenig Reform und nicht zu viel -, die Konservativen hätten es weidlich ausgenützt: als klare Delegitimation des Kurses ihres Kontrahenten.

Es ist ganz anders gekommen: Zwar lieben die Jungen in Iran ihren Popstar Khatami tatsächlich mit einer Begeisterung, die sie gemeinhin nur Fußballern und Musikern angedeihen lassen. Aber de facto war der Urnengang keine Entscheidung über einen Präsidenten, der in seiner Amtszeit oftmals einen Schritt vor- und zwei zurückgegangen ist. Er war ein Referendum über den Wunsch nach einer innen- und außenpolitischen Öffnung, dessen alleiniger Vertreter bei der Wahl eben dieser Mohammed Khatami war. Die geringere Wahlbeteiligung zeigt, dass Khatami sehr wohl "alte" Wähler verloren hat, aber gerade denen war es natürlich unmöglich, für einen seiner hausbacken-konservativen Mitbewerber zu stimmen.

Wenn sie Khatami künftig Prügel vor die Füße schmeißen, haben die Konservativen ganz klar mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten gegen sich. Trotzdem werden sie sich nicht geschlagen geben, die konstitutionelle und nicht zuletzt die finanzielle Übermacht bleiben weiter auf ihrer Seite. Aber das Wahlergebnis ist ein enormer Auftrieb für Khatami - und übrigens auch eine Bestätigung für die von den USA und Israel viel kritisierte EU-Politik der vorsichtigen Annäherung. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2001)