Wels - Eigentlich ist es ja nur ein Zufall, dass Bayreuth ist, was es ist. Und Wels, was es (noch) nicht ist. Genauso gut hätte es auch ganz anders kommen können. Hätte es Richard Wagner einst genauso zufällig, wie es ihn zunächst einmal nach Bayreuth verschlug, nach Wels verschlagen, dann hätte er sich möglicherweise Hals über Kopf in das schmucke oberösterreichische Städtchen verliebt. Und Bayreuth hätte sehen können, wo es bleibt.

Ist ja wahr, Kleinstadt ist Kleinstadt. Steht man zum Beispiel am Welser Kaiser-Josef-Platz, könnte man ihn ganz leicht für Bayreuths Maximiliansstraße halten. Wie in Bayreuth liebt man auch in Wels das Bier, und der Kaffee schmeckt da auch schon außerordentlich germanisch.

Mit einem Wort, Richard Wagner und seine ehrwürdigen Nachfahren hätten sich in Wels sauwohl gefühlt. Und, wer weiß, die Welser hätten ihr Städtchen Wagners mythischem Heldengeschlecht zu Ehren schon längst in Wäls unbenannt und sich selbst voll Stolz zu Wälsen erhoben.

Franz Morak wiederum, der ja gerade erst vor kurzer Zeit auf sehr anerkennenswerte Weise mit viel Courage sein Herz für Senioren in musiktheatralischen Führungspositionen bewiesen hat, ließe Wolfgang Wagner - in Wels müsste man sein - wohl auch in ungebrochener Schaffensfreude munter weiterwerken. Verglichen mit den gegenwärtig im oberösterreichischen Wagner-Mekka wirkenden Wagner-Schamanen Marcel Prawy (89) und Kurt Pahlen (94) ist er mit seinen lächerlichen 81 Jahren ja tatsächlich noch ein Jungspund (und der Staatsoperndirektor gerade erst in den Flegeljahren).

Wagner hält eben frisch. Erfreulicherweise hat sich dieser positive Effekt unter den älteren Herrschaften, aus denen sich die Welser Wagner-Klientel zurzeit vor allem rekrutiert, schon ziemlich herumgesprochen. Kein Wunder also, dass aus den Augen vieler nach Kurt Pahlens Einführungsvortrag nichts als zuversichtliche Erwartung noch etlicher Dezennien tätiger Wagner-Liebe leuchtete.

Ob jeder, der dieser nach Herzenslust frönen will, in Wels schon ganz auf seine Kosten (Eintrittspreise zwischen 1000 und 1900 Schilling) kommt, steht auf einem anderen Blatt. Bayreuth, das kann man nun drehen und wenden, wie man will, hat nämlich ein Festspielhaus. Und Wels hat keines.

Dafür hat Wels das Theater im Greif. Immerhin bietet es 600 Personen Platz. Überdies ist es in einem Hotel untergebracht. Wer also das Glück hat, im Hotel Greif zu logieren, könnte sich, würde es ihm der Anstand nicht verbieten, die Walküre ohne weiteres in Pyjama und Schlafrock zu Gemüte führen. Oder gar, wenn das Bruckner-Orchester richtig loslegt, in seinem Zimmer als Zaungast das Wesentliche gratis mitbekommen.

Wotan wettert

Auf derlei Komfort muss der Bayreuth-Pilgrim freilich verzichten. Außerdem verheißt Wels dem Wagner-Freund von altem Schrot und Korn auch noch weiteres Glück: Kein Geringerer als der hoch geehrte Wotan-Veteran Theo Adam wettert auf der ersten Seite des Programmheftes gegen den die Werke beschädigenden profilneurotischen Unfug mancher zeitgenössischer Opernregisseure.

Der Welser Wagner-Erlöser heißt Günther Schneider-Siemssen, in dessen Bühnenbild, mit dessen Lichtgestaltung und nach dessen Inszenierungskonzept diese Walküre nun in der Regie von Martin Otava ihren Lauf nimmt. Bei aller Anerkennung für die vor allem technische Seriosität der Szene - eine wirkliche Alternative ist sie nicht einmal zu Jürgen Flimms ideologisch und ästhetisch ausgelaugter gegenwärtiger Bayreuther Ring-Gestaltung. Schneider-Siemssen knüpft dort an, wo er als zweifellos genialischer szenischer Gefährte Herbert von Karajans vor 30 Jahren aufgehört hat, im malerisch archaischen Nirwana.

Die Weltesche sieht aus, als hätte Suitbert Lobisser mit markigen Strichen einen monströsen vertrockneten Täubling gezeichnet. Hundings Hütte bietet Steinzeitkomfort. Wenn die Gefühle wallen, tut der Bühnennebel ein Gleiches. In den folgenden beiden Akten verflüchtigt sich das Geschehen in dekorative Unverbindlichkeit, die in den Walküren-Szenen und im Feuerzauber durchaus fesselnde Momente hat.

Dass es so sehr bei Momenten blieb, liegt erstaunlicherweise am Bruckner-Orchester, das an diesem Abend seinem Ruf einfach nicht gerecht wurde. Vielleicht sollte sich Friedrich Haider, der sachliche Dirigent dieser Walküre, an Ernst Märzendorfer ein Beispiel nehmen: Für seine Ring-Produktion in Neapel rekrutierte er das Blech aus der regionalen Feuerwehrkapelle.

Trotz dieser ziemlich knittrigen Sängerfolie legte Poul Elming als Siegmund so ungehemmt strahlend los, dass Nadine Secunde als erst im "hehrsten Wunder" zu voller Form auflaufende Sieglinde und Attila Jun als Hunding nicht ganz so ebenbürtig mithalten konnten. Diskutables Wagner-Niveau boten Luana de Vol als Brünnhilde, Lioba Braun als Fricka und vor allem Alfred Muff als stimmlich und darstellerisch dominanter Wotan. Und die zum Teil süß böhmakelnden Walküren haben Wagnergermania auf das charmanteste osterweitert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 6. 2001)