London - Die Gentherapie, um die es sehr still geworden war, ist wieder da, allerdings mit weithin veränderten Zielen: Statt auf den langfristigen Ersatz einzelner mutierter Gene - und durch sie verursachter Erbkrankheiten - zielen viele Versuche jetzt auf kurzes Unterstützen des Körpers bei komplexen Leiden wie Tumoren oder Herzkrankheiten: "transiente Gentherapie". Zehn Jahre lang hatte man an Tausenden Patienten versucht, "monogenetische" Leiden durch den Einbau gesunder Gene zu therapieren. Der Erfolg blieb fast völlig aus, stattdessen gab es im Herbst 1999 den ersten Toten, der unstrittig nicht an seiner Krankheit, sondern an der Kur zugrunde gegangen ist, den 18-jährigen Jesse Gelsinger. Sein Tod brachte das Feld in eine schwere Krise und viele Forscher von Menschenversuchen zurück zur Grundlagenforschung: Das Problem der Gentherapie liegt darin, genügend Gene an den erwünschten Ort zu bringen. Dazu benützt man als Vehikel ("Vektoren") Viren. Aber sie bringen nur wenige Gene ans Ziel, weil sie von der Körperabwehr angegriffen werden, die die Viren als fremd erkennt. Zur Kompensation injizierte man Gelsinger viel zu hohe Dosen, an denen er starb. Blutgefäß-Startschuss Darauf reagierten die Forscher in zwei Richtungen. Die einen suchen bessere neue Vektoren, die anderen wollen die Schwäche der alten in ihre Stärke wandeln und dem Körper nur einen kurzen "Startschuss" geben, etwa mit Genen für Wachstumsfaktoren, die neue Blutgefäße bilden. Damit konnte man zunächst bei Schweinen mit blockierten Herzkranzgefäßen das Wachstum von Ersatz anregen. Inzwischen gibt es erste Tests an Patienten mit Bypass-Operationen. Ähnlich will man Knochen rascher wachsen lassen und auch Haare: jene, die bei Chemo- und Strahlentherapien ausfallen. Nicht auf dieses schwere psychologische Begleitproblem, sondern auf die Tumore selbst zielt der zweite große Ansatz der "transienten Gentherapie": Dabei will man mit "Tumorvakzinen" oder "Immunotherapie" die Abwehrkräfte stärken. Tumore können nur wachsen, weil und wenn sie der Aufmerksamkeit jener Abwehrzellen entgehen, die körperfremde oder kranke Zellen zerstören. Deshalb will man Tumorzellen selbst mit auffälligen Molekülen ("Zytokinen") ausstatten, die die Abwehr mobilisieren. Zwar gibt es auch hier klinische Tests, aber sie sind in sehr frühen Phasen. (nature, Vol. 411, S. 410) (jl)