Venedig. Kunstbiennale. Neue Medien erfordern neue Rituale. Dort, wo man früher noch von Pavillon zu Pavillon schlenderte, stets darauf bedacht, von allen Seitenblicken punktgenau getroffen zu werden, ist plötzlich alles anders. Nicht länger mehr lässt sich bewusst steuern, mit wem man wann gesehen, mit wem man wo, wohlig massiert von neiderfüllten Blicken, im intimen Wortverkehr erwischt werden will. Gerade die Kunst, die dort während der drei exklusiven Preview-Tage immer schon Nebensache war, durchkreuzt lästig alle gesellschaftlichen Absichten. Um sehen zu können,... ...worüber man anschließend Blödsinn redet, muss man sich plötzlich anstellen. Mutwillig installiert sich eine neue Künstlergeneration derart klaustrophobisch in den Pavillons, dass gerade einmal sechs Leute gleichzeitig hineinpassen. Die Folge sind widerliche Staus. Genötigt, sich einer gemeinen Schlange hintanzuschließen, verharrt man dann schwitzend unter Fremden, die womöglich kaum einer kennt. Erniedrigt, die Ausscheidungen der Tauben am Sakko nebenan zu studieren, wird der Ritt am Parkett zum peinlichen Ausrutscher. Da kann man ja gleich Vaporetto fahren und unter der Rialtobrücke eine Pizzaschnitte essen, während nebstbei ein hochgereckter Regenschirm staunenden Pauschalreisenden erzählt, warum der Canal Grande so heißt, wie er heißt. Jetzt sind auch schon die Giardini nicht mehr das,... ...was sie einmal waren. Wer bitte soll einen sehen, wenn man stundenlang in abgedunkelten Kabinetten Videos über die deprimierenden Seiten des Lebens auszustehen hat? Wo soll das hinführen? Das hält man doch nur in Turnschuhen und entfremdend stilloser Strandkleidung aus. Man muss es leider sagen: Hier geht die Kunst zu weit!