Paris - Die Franzosen, schon immer gute Katholiken, erleben derzeit die wundersame Vermehrung der Marie Curie. Genauer gesagt der 500-Francs-Geldscheine, die vom Konterfei der nobelpreisgekrönten Atomphysikerin geziert werden. Die grünen Noten - die wertvollsten in Frankreich - überschwemmen das Land in einem Maß, das niemand vorauszusagen gewagt hätte. Ob in Hotels, Restaurants, Kaufhäusern oder an Tankstellen: Franzosen zahlten noch nie so häufig in bar wie gegenwärtig.

Das Phänomen, das auch in anderen EU-Staaten feststellbar ist, geht auf die bevorstehende Einführung des Euro am 1. Januar 2002 zurück. In Frankreich ist es allerdings besonders krass: 150 Milliarden Francs sollen die vor allem älteren Franzosen unter Matratzen und doppelten Böden horten. Drei Viertel aller 500-Francs-Scheine dürften, so schätzt die Wirtschaftszeitung La Tribune, an solchen Orten versteckt sein.

Jetzt kommen diese steuerfreien Notgroschen ans Tageslicht - denn jetzt müssen sie ihre Besitzer vor dem Währungswechsel langsam, aber sicher loswerden.

Kleines Problem: Wer dem Fiskus Einnahmen verschwiegen hat, muss nun Ärger befürchten. In Frankreich haben die Banken größere Bargeldbewegungen von Gesetzes wegen den Steuerbehörden mitzuteilen. Wenn sie das unterlassen, drohen ihnen selbst hohe Haftstrafen.

Die Regierung hat aus konjunkturellen wie wahlpolitischen Überlegungen alles Interesse, dass der Übergang zum Euro möglichst reibungslos verläuft. Im Mai präsentierte Wirtschaftsminister Laurent Fabius dem Parlament ein Projekt, das die Banken von der Pflicht befreit, ihre Klientel an die Steuerämter zu "verraten": Bis 30. Juni 2002 müssen Bargeldtauschaktionen nicht mehr weitergeleitet werden, sofern sie 10.000 Euro nicht übersteigen. Diese "verkappte Steueramnestie", wie die Pariser Presse unisono schreibt, versteckt sich in einem Gesetz mit dem nichts sagenden Titel "Notmaßnahmen für Reformen wirtschaftlichen und finanziellen Charakters".

Nach der Nationalversammlung hat anfang Juni auch der Senat als Zweitrat zugestimmt. So wenig Aufhebens die Regierung um die Steuerbefreiung macht, so genau hatte sie sich die ganze Sache überlegt. Der Schwellenbetrag von 10.000 Euro ist gerade tief genug angesetzt, um nicht Geldwäscher aus dem Mafia- oder Drogenmilieu anzuziehen: Diese würden den Bankangestellten auffallen, wenn sie nach und nach kleine vierstellige Beträge reinwaschen wollten. Ein durchschnittlicher Steuermogler kann seinen Geldscheinhaufen hingegen durchaus auf diskrete Art abtragen, wenn er sich innerhalb der siebenmonatigen Frist mehrmals mit einem Umschlag an den Bankschalter stellt. (Stefan Brändle, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 15. 6. 2001)