Berlin - Fast ein Jahr nach der internationalen Vereinbarung über die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter durch Deutschland erhalten die ersten Nazi-Opfer ihr Geld. Erste Überweisungen gingen am Freitag an die polnische und tschechische Partnerorganisation sowie an die Jewish Claims Conference (JCC), wie die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" in Berlin mitteilte. Von den 10 Millionen einstigen Zwangsarbeitern leben schätzungsweise noch 1,2 bis 1,5 Millionen, vorwiegend in ost- und mitteleuropäischen Staaten. Nach monatelangen juristischen Auseinandersetzungen hatte der deutsche Bundestag am 30. Mai die Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen festgestellt und damit den Weg für die immer wieder verschobene Entschädigung freigemacht. Vorausgegangen war die Abweisung wichtiger Sammelklagen gegen Industrie- und Versicherungsunternehmen sowie gegen deutsche Banken in den USA. Aus dem von Staat und Wirtschaft je zur Hälfte gefülltem 10-Milliarden-Mark-Fonds (5,1 Milliarden Euro/70,4 Mrd. S) erhalten die Zwangsarbeiter 8,2 Milliarden Mark (4,2 Mrd. Euro). Nach Angaben der Bundesstiftung wurden jetzt an die polnische Organisation 57 Millionen Mark und an die tschechische 56 Millionen überwiesen. Die JCC erhielt 100 Millionen. Der höhere Betrag für die Claims Conference erkläre sich daraus, dass von den genannten Empfängern fast alle Anspruch auf den Höchstbetrag von 15.000 Mark (7.669 Euro/105.533 S) hätten. Ehemalige Zwangsarbeiter, die unter den besonders schweren Bedingungen eines Konzentrationslagers, anderer Haftstätten oder einem Ghetto zu leiden hatten, erhalten einmalig bis zu 15.000 Mark. Mit diesem Geld werden die Partnerorganisationen in wenigen Tagen erste Raten von 75 Prozent (Polen, Tschechien) oder 65 Prozent (JCC) an die Berechtigten auszahlen. Die zweite Rate wird gezahlt, wenn sämtliche Anträge von allen Partnerorganisationen vorliegen und damit die endgültige Verteilung des Geldes errechnet werden kann. Falsche Kanäle Die von Polen, Tschechien und der Claims Conference eingereichten ersten Listen mit jeweils 10.000 Anträgen waren vor Ort - ohne Beanstandungen - stichprobenartig überprüft worden. Nach Auszahlung prüfen Mitarbeiter der Bundesstiftung nochmals, ob das Geld auch tatsächlich die Berechtigten erreicht hat. Damit soll vermieden werden, dass wie bei früheren Entschädigungen Geld in falsche Kanäle läuft. Derzeit werden nach Angaben der Bundesstiftung erste Antragslisten aus der Ukraine, Weißrussland und der International Organisation for Migration geprüft. Die in Genf ansässige Organisation ist für Opfer aus all den Ländern ("Rest der Welt") zuständig, die nicht an den Verhandlungen beteiligt waren. Eine erste Liste der russischen Partnerorganisation wird in der kommenden Woche in Berlin erwartet. In Russland hatte es Unstimmigkeiten über den organisatorischen Weg der Entschädigung gegeben. Die russische Partnerorganisation und die halbstaatliche Sberbank-Sparkasse waren sich nicht einig, wer das Geld verteilen soll. Der tschechische Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, Tomas Kafka, lobte die Zahlung am Freitag als "Beweis für die guten Beziehungen mit der Bundesstiftung". Der Zukunftsfonds ist die Prager Partnerorganisation der Bundessstiftung. Der tschechische Regierungsbeauftragte Jan Sechter sagte, die ersten ehemaligen NS-Zwangsarbeiter erhielten möglicherweise bereits Ende der kommenden Woche Auszahlungen. (APA/dpa/AP)