Wien - "Stauhölle" - eine abgegriffene Formulierung. Und dennoch: Im beinahe schon täglichen Verkehrszusammenbruch auf der Südosttangente (A23) leiden viele Autofahrer tatsächlich Höllenqualen. Bis zu 180.000 Kraftfahrzeuge passieren die A23 pro Tag, für etwas mehr als 80.000 ist die Tangente ausgelegt. Zeitweise schaut es auf der Süd-, West-, Tauern-und Brennerstrecke nicht viel besser aus. Die 1613 Kilometer Autobahnen (des insgesamt 106.478 Kilometer langen österreichischen Straßennetzes) sind jetzt schon hoffnungslos überlastet.

Bei einem STANDARD-Symposion schätzten Experten unlängst, dass der Güterverkehr in Österreich bis zum Jahr 2015 um 50 Prozent zulegen wird, im Ostverkehr gar um 100 Prozent. Diese Schätzung stimmt mit jenen Prognosen überein, die die CEMT (Conference of European Ministers of Transport) in einer neuen Studie auflistet.

Das auf dem jüngsten Treffen der Verkehrsressortchefs in Lissabon freigegebene Dossier ist erstmals nicht nur eine komplette Zusammenschau der Prognosen der Europäischen Union, es bezieht auch die mittel- und osteuropäischen Staaten ein. Berücksichtigt wurden in der Studie über die "Entwicklung im Straßen-, Schienen- und Luftfahrtbereich bis 2020" unter anderem Trends der Wirtschaftsentwicklung, der Demographie, Treibstoffpreise, Steuern, Regionalentwicklung und Transportkosten.

Im Bereich des Personenverkehrs fällt der prognostizierte Zuwachs in der EU aufgrund der schrumpfenden Bevölkerung niedriger aus als noch in den vergangenen Jahren: Für die Periode von 2010 bis 2020 sind jeweils 0,53 Prozent Wachstum pro Jahr vorausgesagt, von 1995 bis 2000 waren es noch 1,21 Prozent. In Osteuropa dagegen wird mit einer Steigerung von 54 Prozent (also mehr als zwei Prozent pro Jahr) zwischen 1995 und 2020 gerechnet.

90 Prozent Pkw-Anteil

Anteilsmäßig wird der Pkw (mit über 90 Prozent aller zurückgelegten Wege) wichtigstes Verkehrsmittel bleiben. Besonders im Osten wird es zu einer enormen Steigerung der Zahl der Fahrten mit Pkw kommen: bis zu 150 Prozent sind bis 2020 prognostiziert. In Passagierkilometern ergibt sich sogar ein Anstieg um bis zu 200 Prozent. Bahn und Flugzeug indes werden vor allem im internationalen Personenverkehr zulegen können: Der Anteil der Bahn wird von 8,5 auf 10,5 Prozent steigen, jener des Flugzeugs von 12,5 auf 15 (der Rest entfällt auf die Straße). Dem Flugverkehr insgesamt wird seine Verfünffachung bis 2025 vorausgesagt.

Für den Güterverkehr werden noch größere Zuwächse erwartet - obwohl es laut CEMT eine "Dematerialisierung der Wirtschaft" geben wird. Die Steigerung der beförderten Tonnen (76 Prozent) ist zwar kleiner als jene des prognostizierten Wirtschaftswachstums von 1995 bis 2020 (85 Prozent). Regional gibt es jedoch große Unterschiede: In Zentraleuropa sind die Zuwächse geringer, in der Peripherie (Spanien, Portugal, Skandinavien) höher. In Mittel und Osteuropa rechnet die CEMT mit bis zu 120 Prozent mehr beförderten Gütern.

Als Frachtmittel gewinnen Lkw und Straße in den kommenden Jahren im Osten immer mehr an Bedeutung, die Bahnen dagegen verlieren. Sie werden 2020 um 25 Prozent weniger Güter befördern, auf der Straße wird das Güteraufkommen indes um sagenhafte 70 Prozent steigen.

Bei der Staßenbaugesellschaft Asfinag heißt es angesichts dieser Zahlen: "Wir haben diese Prognosen bei der Sanierung und Erweiterung der Westautobahn bereits berücksichtigt." Andererseits werde es 2020 wohl dennoch mehr Staus geben. Deswegen müsse die Politik wahrscheinlich relativ bald etwa über eine zeitliche Beschränkung für den Lkw-Verkehr nachdenken - sonst könnten die Stauhöllen von heute erst das Fegefeuer gewesen sein. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16./17.6.2001)