"Mit Staatsopernoberhaupt Ioan Holender stritt ich mich heftig. Er war Ski fahren auf dem Arlberg, las, was ich in der ,Presse' über Cioran schrieb (1996), lobte mich und schimpfte mich - weil ich Emile Cioran mit e am Schluß schrieb. Vergeblich wandte ich ein, daß Emil ohne e zwar auf Rumänisch gelte, aber Cioran lebte nach seiner Übersiedlung aus Bukarest (1940) lebenslänglich in Paris und immer mit einem e. Wir schieden unversöhnt." (Günther Nenning)

(1996. Der Arlberg im Abendlicht. Die Sonne macht Feierabend. Das Museum wird geschlossen. Das Konzert ist aus. Im Bühnenvordergrund ein Schlepplift. Letzte Bergfahrt. Auf einem der Bügel der Operndirektor Holender und der Kolumnist Nenning. Holender hat in der "Presse" gelesen, faltet nun die Zeitung zusammen und verstaut sie im Anorak.)

HOLENDER (zu Nenning, anerkennend): Gut. Nur: Emil ohne e. Und lehn dich nicht so weit hinaus.
NENNING: Ich lehne mich nicht hinaus. Du lehnst dich hinein. Emile mit e.
HOLENDER: Ohne. Ich lehne mich überhaupt nicht hinein.
NENNING: Und wie du dich hineinlehnst. Auf Rumänisch vielleicht. Aber auf Französisch mit e.
HOLENDER: Cioran war kein Franzose.
NENNING: Aber gelebt hat er in Paris.
HOLENDER: Das rechtfertigt noch kein e. Und jetzt hör auf, dich hinauszulehnen! Kannst du nicht Liftfahren?
NENNING: Was soll ich denn machen, wenn du dich so hineinlehnst? Mit e und basta.
HOLENDER (plötzlich panisch): Lehn dich hinein, verdammt!
NENNING (ebenso): Lehn dich hinaus!
(Ihre Schi überkreuzen sich. Sie fallen, jeder auf seiner Seite, aus dem Lift und bleiben im Tiefschnee liegen. Lange Pause.
Der Lift wird abgestellt.
Stille.
Die Summe der ungelösten Probleme wirft einen zitternden Schatten auf die Dinge. Vorhang.)

Material: Günther Nenning, "Auf den Gipfeln der Verzweiflung", Kronen Zeitung , 10. 6. 2001) (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 6. 2001)