Die Libanesen trauten zuerst ihren Augen nicht, als sich syrische Truppen am Donnerstag in Bewegung setzten, und zwar Richtung Grenze und nicht nur anderswohin im Land. Die Fußnote zu dieser Geschichte ist, dass Syriens vor einem Jahr verstorbener Langzeitherrscher Hafiz al-Assad bereits Mitte der 90er-Jahre vorgeschlagen hatte, die Zahl der damals 40.000 syrischen Soldaten im Libanon zu halbieren. Beirut soll ihn damals händeringend gebeten haben, dies nicht zu tun.

Ob der Abzug diesmal substanzieller ausfällt, bleibt abzuwarten, aber Eindruck machte es schon, vor allem schweres militärisches Gerät in Richtung Damaskus entschwinden zu sehen. Allgemein wird dies als Geste des jungen Assad gegenüber der öffentlichen Meinung im Libanon angesehen, die seit dem Abzug der Israelis aus dem Südlibanon im Mai 2000 immer lauter die Frage stellt, wann denn die zweite Besatzungsmacht - pardon, die Schutzmacht - das Land verlassen würde, wie ja im Vertrag von Taif vorgesehen, mit dem 1989 der libanesische Bürgerkrieg beendet wurde. Von dem Schritt profitieren jedenfalls beide, Damaskus und Beirut: Erstens nimmt er der Wut der Libanesen auf die Syrer etwas den Wind aus den Segeln, zweitens entschärft er die von starken konfessionalistischen Zügen geprägte innerlibanesische Debatte, in der die Christen immer öfter als "zionistische Agenten" auftauchen.

Niemand glaubt jedoch wirklich, dass Syrien in unmittelbarer Zukunft vorhat, den Libanon aus seinem politischen Einfluss zu entlassen - und etwa als Zeichen für die libanesische Souveränität mit Beirut Botschafter auszutauschen. Dass ein Tabu gebrochen ist, zeigt andererseits auch ein Bericht in der syrischen Parteizeitung al-Thaura, in dem erstmals öffentlich von "einer Million syrischer Arbeiter" im Libanon die Rede ist, eine Zahl, die in Damaskus stets als stark übertrieben abgetan wurde - und die die Libanesen fast noch mehr erregt als die 35.000 Soldaten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 16./17.6.2001)