Der Kuder ist der männliche Luchs und die Tatsache, dass uns dieser Ausdruck so wenig geläufig ist, zeigt, wie fremd uns dieser prächtige Vertreter der Katzenartigen ist, obwohl er einst in unseren Wäldern weit verbreitet war. "Der hört wie ein Luchs!" sagt man zwar auch heute noch oft, obwohl nicht einmal die Wildbiologen kaum je die Gelegenheit haben, einen Luchs beim Lauschen mit seinen Pinselohren, zu beobachten. Die mit langen Haarbüscheln versehenen Ohren sind das eine charakteristische Kennzeichen des Luchses, der kurze Schwanz und der prächtige Backenbart sind die anderen beiden. Ein Jahrhundert lang war Österreich ja tatsächlich "luchsfrei": Um 1880 wurde der letzte Luchs des österreichischen Kernlandes Opfer menschlicher Verfolgung. Auch als seit den 80er-Jahren, ein Jahrhundert nach dem Verschwinden der Art, wieder Luchse nach Österreich einwanderten, waren sie bei vielen nicht gern gesehen. Vor allem die Jägerschaft fürchtet um ihre Jagdbeute. Tatsächlich macht der Luchs Jagd auf Rehe und das gegebenenfalls sehr erfolgreich. Obwohl ein erwachsener Luchs bei einer Körperlänge von 80 bis 120 Zentimetern nur ein Körpergewicht von 20 Kilogramm erreicht, kann er Beute schlagen, die um einiges schwerer ist als er selbst. Denn er verfügt über jene Jagdtechnik, die viele große und kleine Katzen auszeichnet: den Biss ins Genick. An seinen Rissen ist der Luchs denn auch zu erkennen, auch Haarbüschel, Kotspuren und die charakteristische Luchsfährte verraten ihn. Zu Gesicht bekommt ihn indes kaum jemand: Der Luchs lebt heimlich und die Verfolgung hat ihn bestimmt noch scheuer gemacht. Verfolgt und verfemt Derzeit sind Vorkommen für Kärnten, Salzburg, die Steiermark sowie fürs Wald-und Mühlviertel belegt. Wie andere Beutegreifer auch wird der Luchs von Teilen der Jägerschaft leider nach wie vor als Konkurrent gesehen. Dabei sind die Rehbestände, wie von der Forstwirtschaft beklagt, in vielen Waldgebieten ohnehin zu hoch. Außerdem beansprucht der Luchs sehr große Territorien: 3600 bis 10.000 Hektar kann ein Luchsrevier groß sein, der Jagddruck auf Rehe und anderes Wild ist da gering. Ein erwachsenes Tier braucht rund drei Kilogramm Fleisch pro Tag, neben Rehen schlägt der Luchs nach Möglichkeit Gämsen und Wildschweine, aber auch andere Beutegreifer wie Füchse, Dachse oder Marder sowie Kleingetier und Vögel. Luchse sind Einzelgänger, die Weibchen ziehen die Jungen - in der Regel zwei - alleine groß. Wurfzeit sind Mai und Juni, und es ist zu hoffen, dass eben jetzt Luchsbabys beginnen, unsere heimischen Wälder zu erforschen. Der Österreichische Naturschutzbund bemüht sich schon seit geraumer Zeit um Wiederansiedlung und Schutz der Luchse - nun soll ein verbessertes Monitoring mehr Aufschluss über Österreichs Luchse bringen. Alle im Luchsschutz engagierten Gruppen sollen vernetzt werden, Daten über Sichtungen, Risse, Fährten sollen zentral erfasst und wissenschaftlich überprüft werden. Mehr Forschung tut Not, denn derzeit steht nicht einmal die genaue Zahl der in Österreich lebenden Luchse fest. Auch mehr Aufklärung der Bevölkerung ist nötig, denn nur wenn der Luchs als faszinierender Bewohner unserer Wälder akzeptiert wird, hat er auch eine Zukunft. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 16./17.6.2001)