Regisseur Hans Gratzer versteht die Geschichte um Violetta und ihren Alfredo als Traum einer sterbenden Frau und erntete dafür Applaus und Buhs. Wien - Am Anfang war also das Ende. Das Ende der Oper waren die letzten Atemzüge von Violetta. Kurz bevor sie sich verabschiedet, noch ein letzter Wunsch, ein letzter abendfüllender Traum, jener von der nur kurzzeitig erfüllten Beziehung: Verdis Traviata an der Volksoper also von nun an als Traumgebilde einer Todgeweihten, der die Nachtgeschöpfe in einem kreisförmigen, verschleierten Raum erscheinen, während sie am Bühnenrand mit Bett, Tischchen und einem Glas Wasser auszukommen hat. Aus dem Bühnenschlund kommen sie alle, in diesem verschleierten Raum durchwandern sie alle Violettas Traum: die maskierte Festgesellschaft mit Zylinder und Frack. Der geliebte Alfredo, sein Vater und dann auch, als unerwartete stumme Gäste, die ganze Familie Germont. Immer wieder durchstreifen sie den Traumraum, der von Violetta fein abgegrenzt ist, in den sie mitunter eintaucht, auch Geschöpfe mit Totenmasken. Violettas innere Ahnungen vom Ende. Sie hüpfen und tanzen, und es klappern gleichsam die Skelette, einmal makaber dezent, dann wieder etwas lächerlich plakativ. Soll sein. Im Traum ist alles erlaubt und möglich. Eben. Und es wäre noch mehr möglich gewesen. Gratzer hat eine Tür aufgestoßen, durch die er dann nicht wirklich gegangen ist. Im Grunde hat er bei einem poetisch erleuchteten konventionellen Kammerspiel Zuflucht gesucht, das nur manchmal von einem makabren Karneval durchbrochen wird. Nicht am Bett Elegant und leicht nimmt die Geschichte ihren letalen Lauf. Alles dreht sich und bewegt sich. Grazer inszeniert ein wenig Grusical, ein bisschen Travestie-Slapstick (Stierkampfszene) und verschließt sich dann konsequenterweise auch dem Opern-Schluss. Alfred landet nicht am Bett der Fasttoten, hat längst eine andere, ist nur das herbeifantasierte Geschöpf eines verzweifelten Deliriums. Violettas einsames Ende - keine Wahnsinnsarie. Victoria Loukianetz (als Violetta) ist durchaus befähigt, den Abend zu tragen. Sie hat Sinn für Tragik, Komik und erfüllt den leeren Raum mit einer Intensität, die sich jedoch nicht ausschließlich auf die exaltierten Ausbrüche konzentriert; vielmehr auch im dezenten Bereich konzentriert bleibt. Ihre Stimme ist der Partie im Koloraturenbereich jederzeit gewachsen. Große Leichtigkeit der Läufe. Zweifellos verfügt sie auch über eine Pianissimokultur, die man an der Volksoper lange nicht mehr gehört hat. Wo sie jedoch Dramatik erzeugen soll, beginnt die Stimme an Farbe zu verlieren und erlangt etwas Herb-Verbrauchtes. Man kann nicht alles haben, darf zufrieden sein, bedenkt man, dass der Tenor von Dario Schmunck (als Alfredo) durchaus klangschön wirkt, aber im Grunde nicht das Volumen und die Legatokultur hat, um die Partie voll zur Geltung zu bringen. Zudem hat Gratzers Personenführung bei Schmunck und bei Viktor Massanyi (als Giorgio Germont) leider in den alten Operngesten der Starre und Unbeweglichkeit ihre Meister gefunden. Keinesfalls eine Beeinträchtigung für den Abend die Orchesterleitung von Marc Piollet. Er vermag Verdis Musik lebendig zu halten, setzt gerne fetzige Akzente und wird von der Akustik des Hauses mit einigen scheppernden Momenten zur Räson gebracht. Dennoch sehr passabel. Für Gratzers gelassen-konventionelle Arbeit auch Buhs. Wien ist, was Regie anbelangt, offenbar manchmal in der Steinzeit. Deprimierend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 6. 2001)